Erlebnisse eines Transmädchens Teil 2

Laura

Sonntag, gleich 17 Uhr, A20, irgendwo bei Rostock. Wir sind auf der Rückfahrt aus Polen. Wahrscheinlich möchte es sich niemand eingestehen, aber der Bus ist voller überdrehter Leute zwischen zwölf und 16 Jahren. Bei genauer Betrachtung ist mir irgendwie niemand so richtig sympathisch, aber ich versuche, eine gute Miene zum bösen Spiel zu machen.

Was wir gemacht haben? Tischtennisturnier, – ich bin übrigens schon in der ersten Runde rausgeflogen – Jugenddisko und ein Besuch des örtlichen Erntedankfestes. Geschlafen haben wir in einem Klassenzimmer in der örtlichen Schule.

Mit Kleid und lackierten Fingernägeln

Wie die Stimmung war? Irgendwie gut, aber irgendwie auch so naja. Mir wird immer bewusster, dass es wirklich schwierig werden würde, wenn ich in dieser Umgebung zeige, wer ich wirklich bin, geschweige denn, dass ich es überhaupt erzähle. Die letzten vier Tage waren gezeichnet davon, dass die Jungs bewusst einen imaginären Sicherheitsabstand gehalten haben, um sich auch ja nicht versehentlich gegenseitig zu berühren. Wenn es doch passierte, war das Geschrei stehts groß, gepaart mit standhaften Distanzierungen von jeglichen schwulen Gedanken. Irgendwie hat man es richtig gespürt, wie unangenehm es vielen war, einige Tage zusammen auf engem Raum zu verbringen, insbesondere in den Nächten beim Schlafen.

Ich möchte, aber ich kann nicht. Was würde passieren, wenn ich morgen meine Schule im Kleid und mit lackierten Fingernägeln betreten würde? Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich dafür sofort gebrandmarkt werden würde. Gebrandmarkt als eklig und pervers, als Schwuchtel und als Transe. Es würde schnell die Runde machen und in einem Ort, wo über drei Ecken jede*r jede*n kennt wäre es auch schnell ein außerschulisches Thema. Wie komisch wäre es denn, wenn die Mutter eines Mitschülers besagten Mitschüler darauf ansprechen würde? Gespräche beim Mittagessen würden mit „Also ich habe ja von der Mutter von X gehört, dass jemand aus Eurer Klasse…“ beginnen. Was für eine grauenvolle Vorstellung. Meine kleine Vororthölle, sie wäre perfekt!

Bloß nicht Schwulsein

Am Freitag meinte jemand aus unserer Gruppe plötzlich, wie eklig es doch wäre, wenn zwei Männer sich küssen. Wir gingen gerade durch die Straßen der polnischen Ortschaft, als sich diese Aussage ihren vermeintlich einzunehmenden Raum nahm. Sofort fühlte ich mich unsicher. Schon seit ein paar Wochen war da diese Vorstellung in meinem Kopf, wie es denn als Mädchen so wäre, etwas mit einem Jungen zu haben. Waren diese Gedanken etwa falsch und verwerflich? In den Augen anderer schien diese Vermutung wohl längst bewiesen zu sein.

Ich werde immer nachdenklicher. Ich meine, wem schade ich denn? Wem tue ich weh? Warum stört es überhaupt andere Leute, die damit gar nichts zu tun haben? An dieser Stelle geht es doch eigentlich nur um mich. Ist es denn falsch, glücklich zu sein? Einfach zu sein, wer man ist? Was machen denn bitte die anderen die ganze Zeit? Die sind doch auch sie selbst. Ist das etwa legitimer als meine Gegenwart?

Die Autobahn vor uns ist geprägt durch Felder, die links und rechts den Asphalt begrenzen. Mein Blick schweift ab und durch das Fenster kann ich die langsam eintretende Dämmerung beobachten.

Was wäre, wenn?

August 1994. Ein Blick reichte damals aus, um sagen zu können: „Okay, ein Junge!“ Was aber wäre gewesen, wenn es stattdessen geheißen hätte: „Okay, ein Mädchen!“? Wie würde die Welt heute aussehen? Wie würde ich überhaupt aussehen? Hätte ich Ähnlichkeiten zu meiner Mutter? Wie wären meine Haare? Wie würde ich die Veränderungen an meinem Körper hin zur Frau wahrnehmen? Würde es weh tun? Würde ich unter meinen Nippeln wirklich so ein Kribbeln spüren, wie es in den Büchern beschrieben ist? Und überhaupt, warum hätte dann niemand ein Problem mit mir, so wie jetzt aber schon?

Bis zuhause dauert es noch ein paar Stunden. Irgendwann liege ich im Bett. Beim Abendessen habe ich meinen Eltern noch erzählt, wie es so war. Eigentlich war es ja soweit ganz cool und alleine ohne Eltern war es ja auch spannend. Von den unangenehmen Momenten habe ich aber nichts erzählt.

Jetzt liege ich im Bett. Ich bin müde, möchte schlafen, schließe die Augen und sehe mich als schöne Frau im Spiegel. So selbstbewusst und zufrieden. Hoffentlich klappt es irgendwann mal.

Text: Laura Sophie Hecht

Lest auch: Erlebnisse eines Transmädchens Teil 1

 

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