Erlebnisse eines Transmädchens Teil 1

Laura heute

Es ist 2007. Vor ein paar Tagen bin ich 13 Jahre alt geworden und nun sitze ich im Bus nach Polen. Wir sind dort zum Tischtennisspielen. Seit etwa einem halben Jahr bin ich nun im Verein dabei. Mein Talent für diesen Sport hält sich in Grenzen, aber es macht mir Spaß und irgendetwas muss man ja machen, um den Vorstellungen der Eltern von einer sportlichen Betätigung nachzukommen.

Davor habe ich Handball gespielt – etwa zwei Jahre lang. Damals war ich gerade elf Jahre alt und war kürzlich aufs örtliche Gymnasium gewechselt. Vier Jahre Grundschule waren vorbei und nun sollte es in der 5. Klasse so richtig losgehen. Zwei Tage vor der Einschulung am Gymnasium holten meine Mutter und ich mit dem Auto meinen jüngeren Bruder von seiner Schule ab. Er war noch in der Grundschule und dort hatte das Schuljahr bereits begonnen.

Seit ich denken kann, ist da dieses Gefühl, dass etwas nicht richtig ist, was alle anderen für vermeintlich richtig erachten. Sie nannten mich bei einem Jungennamen und auch meine Haare wurden beim Friseur immer kurz geschnitten, wie das Friseure bei Jungen im Kindesalter nun mal machen. Ich wusste, dass dieser Name nicht zu mir passt. Ich wusste, dass ich meine Haare eigentlich nie kurz haben wollte. Ich wusste, dass die Betrachtung meiner selbst durch die anderen auch nicht richtig ist. Ich war niemals ein Junge, auch wenn das alle dachten und trotzdem konnte ich es ihnen nicht sagen. Ich hatte einfach keine Worte dafür und ich konnte es auch nicht erklären.

Wie ich es meiner Mutter sagte

An diesem Tag und in diesem Moment im Auto war es anders. Vor einigen Wochen hatte ich von dem Begriff Transsexualität gehört und erkannte mich in der zugehörigen Beschreibung wieder. Lange zögerte ich, doch dann traute ich mich endlich, es meiner Mutter zu sagen, dass ich mich nicht wohlfühlte in meiner Haut, aber das ich auch nicht wusste, wie ich damit umgehen sollte. Außerdem sollte sie niemandem davon erzählen. Zu groß war meine Angst, dass ich deswegen von Anderen immens negative Reaktionen erfahren müsste.

Meine Mutter reagierte besonnen und unterstützend – gleichzeitig auch etwas überfordert. Im Nachhinein darf man ihr diese Überforderung wohl auch nicht böse nehmen. Sie war mit der Thematik zuvor noch nie in Berührung gekommen und zusätzlich lebten wir schon damals in einem beschaulichen halbwegs mittelgroßen Vorort im Umland einer Großstadt. Trotz der Nähe zur Großstadt merkte man dort schnell, dass das „irgendwie anders sein“ in den Köpfen vieler Leute dort auf Unverständnis und Ablehnung stieß. Wollte sie mich davor schützen? Unser Gespräch dauerte nicht lange.

Probleme auf der neuen Schule

Wenige Tage später begann das Gymnasium. Alles war neu und begann von Null. Das Gespräch mit meiner Mutter war mir noch immer in Erinnerung. War das jetzt ein Wendepunkt in meinem bisherigen Leben? Wird sich jetzt etwas ändern? Diese Fragen konnte ich mir nicht beantworten.

Die Wochen in der neuen Schule begannen schleppend. In meiner Klasse war ich schnell unbeliebt. Einerseits fiel ich schnell durch meine Unruhe auf, welche dann unter ADS abgeheftet wurde. Auch mit dem Schulstoff und meinen Lehrer*innenn hatte ich schnell Probleme. Und dann war da noch dieser Punkt, dass zwischen den Jungs in meiner Klasse und mir ein schier unendlich großer Graben bestand. Auch wenn es mir missfiel, aber ich sah aus wie sie und sie sahen aus wie ich. Trotz allem war den Jungs schnell klar, dass ich nicht zu ihnen gehörte und so behandelten sie mich dann auch, indem sie mich zum Außenseiter machten.

Handball in der männlichen D-Jugend

Ich wollte zu den Mädchen gehören, doch auch die wussten mit mir nicht viel anzufangen. In den Augen anderer schien ich wohl einfach komisch zu sein. Ein vermeintlicher Junge, der irgendwie unklar wirkte, aber der trotzdem da war. Wahrscheinlich litten unter dieser daraus resultierenden inneren Unzufriedenheit auch meine schulischen Leistungen.

Im Laufe des Schuljahres überkam mich dann die Lust auf Handball, ich meldete mich schließlich beim örtlichen Verein und begann in der männlichen D-Jugend. Von nun an sah ich regelmäßig Menschen in meinem Alter, mit denen ich mich so gar nicht identifizieren konnte. So wie sie war ich nie und so wollte ich auch niemals sein. Das ganze pubertäre männliche Gehabe war mir unangenehm und suspekt.

Wechsel auf die Realschule

Als das Schuljahr vorbei war und meine schulischen Leistungen vollends in den Keller gerutscht waren, stand mir ein Wechsel vom Gymnasium auf die Realschule bevor. Weil Schulzentren sich in mittelgroßen Vororten äußerster Beliebtheit erfreuen, fand der Schulwechsel sogar im selben Gebäude statt. Trotzdem war es wieder ein Neuanfang und in meiner neuen Klasse fand ich nun schnell Anschluss.

Und dennoch sah ich es immer mehr, dass es die Mädchen waren, die aussahen, wie ich eigentlich auch aussehen müsste. Doch statt Brustwachstum und erster Menstruation waren meine pubertären Erscheinungen eher durch Erektionen und den ersten Bartwuchs gekennzeichnet.

Aufbruch und neuer Sport

Trotz allem blieben die Unsicherheit und die Angst vor Ablehnung durch die Anderen. So begann ich meine Gefühle und inneren Bedürfnisse zu überspielen. Das Resultat war eine Mischung aus übertriebener Männlichkeit und sehr viel Unbedarftheit. Ich begann damit, keine Nähe mehr zuzulassen. Nicht mal meine Mutter konnte mich noch umarmen. Mir erschien diese Strategie geeignet, um nicht aufzufallen. Niemand sollte wissen, wer ich eigentlich bin.

Mit dem Handball hörte ich auf. Es war einfach nicht schön dort. Stattdessen begann ich mit Tischtennis, da war wenigstens die Atmosphäre angenehmer. Nun bin ich 13 Jahre alt und sitze im Bus zum Tischtennisturnier in Polen. Ich bin aufgeregt, schließlich war ich noch nie soweit ohne meine Eltern von zuhause entfernt. Ich weiß nicht, ob ich Lust habe mich mit den Jungs aus dem Bus abzugeben, aber ich muss es tun. Ob jemanden auffällt, dass ich mich die ganze Zeit verstelle?

Text: Laura Sophie Hecht

 

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