Junkies mit Zukunft

Junkies mit Zukunft. Foto: Hans Krum

Foto: Hans Krum

Wo der Spaß nicht mehr ausreicht, fängt der Rausch an.

Text: Restlessmind – Nadine Primo

Die Drogenpolitik befindet sich durch Anpassungsdruck an der Schwelle zur Reformierung. Auch alteingesessene Politiker*innen müssen mittlerweile einsehen, dass der Drogen-Dämonisierungsdrang der letzten Jahre keine wesentlichen Veränderungen herbeigeführt hat. Im Gegenteil. Chemie-, Medizin- als auch Psychologiestudent*innen lernen bereits in den ersten Semestern, zu welchen Zwecken die beliebten Partystoffe MDMA (1), Kokain sowie Amphetamin in der Wissenschaft und sogar in der Therapie eingesetzt wurden sowie zum Teil immer noch werden.

Statistiken beweisen, dass gerade in höheren Bildungs- und Gesellschaftsschichten eine liberalere Einstellung gegenüber aktuell noch illegalen Substanzen herrscht. Man ist schließlich in der Lage, sich selbst zu informieren und die fast schon antiken Drogenparagrafen infrage zu stellen. Schließlich hat schon fast jede*r junge Erwachsene in seinem*ihrem Leben an einem Joint gezogen und ist danach nicht obdachlos auf der Straße mit einer Nadel im Arm aufgewacht.

Drogen gehören zur Menschheit, seit es die Menschheit gibt. Selbst unsere ersten Vorfahren haben sich bereits mit Pflanzen und Pilzen berauscht. Ayahuasca und andere schamanische Tränke sind hierfür nur vereinzelte Beispiele und in jeder Kultur auffindbar. Sie zu verbieten hat bis jetzt noch nicht funktioniert, dafür wurde der Weg für eine Unterwelt geebnet, die ihren Einfluss bis auf die höchsten politischen und wirtschaftlichen Etagen ausübt.

Unkontrollierter Konsum führt zu unkontrollierbaren Zuständen

Schlechte Drogen, mit Entwurmungsmittel gestrecktes Koks oder mit Coffein als Verlängerungsstoff im Heroin, gelangen schneller als jemals zuvor an unerfahrene User*innen, die ihren ersten Trip dann im schlimmsten Fall mit ihrem Leben bezahlen. Trotz der schlechten Bedingungen für den unwissenden Käufer*innen beim Drogendeal, nehmen viele das Risiko billigend in Kauf. Wobei so billig sind Drogen gar nicht. Zumindest nicht das „gute“ Zeug. Denn auch hier muss man noch einmal differenzieren: Während Marihuana, Kokain und Heroin als Modedrogen gelten und einen gewissen gesellschaftlichen Chic genießen, so stellen Crack und Meth den Abschaum in der Drogenwelt dar. Drogen sind also nicht gleich Drogen.

Aber allein die Tatsache, dass der*die User*in bereit ist, für einmaligen Spaß sein*ihr Leben aufs Spiel zu setzen zeigt uns doch, dass die Bereitschaft und somit das Potenzial zum Konsum in der Gesellschaft mehr als vorhanden sind.

Bildung ist der Schlüssel

Wieso kümmern wir als Gesellschaft uns dann nicht lieber darum, dass aus einem*einer User*in ein*e „Safe*r-User*in“ wird, der*die ebenso wie der Weinliebhaber*in seinen*ihren Stoff nach Qualität und persönlichem Geschmack auswählt? Zusätzlich würden wir ihn*sie dadurch zum moderaten als auch bedachten „Trippen“ und „Raven“ befähigen. Natürlich steht auch hier erst einmal wieder die Frage im Fokus, warum das Individuum überhaupt das Verlangen danach verspürt, sich mittels externer Substanzen in einen anderen Zustand zu versetzen. Aber die Frage sollte man sich vor jedem Vollsuff ebenfalls stellen. Es ist wichtig die Debatte auf EINER Ebene zu führen, denn nur dadurch gewinnt sie an Authentizität.

Die Jugend von heute. Generation Y: scheinbar substanzlose Gestalten, mit illegalen Substanzen gefüllt. Aber liegt das allein an uns? Ich denke nicht. Vielleicht liegt es an den medizinischen Behandlungen und Therapieverfahren der 90er Jahre. Bis heute. Wer kennt es nicht? Du hast Kopfschmerzen? Nimm ne Pille. Du hast Husten? Trink den Saft. Du hast Fieber? Nimm dieses Antibiotikum. Du bist verhaltensauffällig? Ab jetzt gibt’s jeden Tag ne Pille. Auf Rezept – denn du bist krank. Wen wundert es da eigentlich noch, wenn wir auch im jungen Erwachsenenalter im Club nicht davor zurückscheuen uns eine bunte Wunderpille einzuschmeißen, die stundenlange Euphorie und Glücksgefühle verspricht? Zugegeben: So viel tolle Sachen verspricht eine Paracetamol oder Ibuprofen nicht. Nebenwirkungen wiederum haben alle Pillen. Auch an Paracetamol sind schon Menschen gestorben. (2)

Die Schweiz hat Drug-Checking-Foren

Das Problem bei schlechten Drogen sind in erster Linie die Streckstoffe. Die wiederum gelangen über den Schwarzmarkt und die Unterhändler in den Partystoff. Intransparenz und Unwissenheit sind die zwei Faktoren, die dem*er User*in letztlich zum Verhängnis werden und somit im Fokus der Drogendebatte stehen sollten.

Die Schweiz hat mit ihren Drug-Checking-Foren bereits damit begonnen, Aufklärungsarbeit zu leisten und Raver*innen sowie chemischen Substanz-Euphoriker*innen Leitfäden an die Hand zu geben, die sie vor Überdosierungen oder schlechten Trips schützen sollen. Der Mensch hat schließlich das Recht über seinen Zustand selbst zu entscheiden, solange er keine Dritten in Gefahr bringt oder in Mitleidenschaft zieht. Mal davon abgesehen ist ein von der Gesellschaft tolerierte*r Betrunkene*r bei Weitem nicht immer gesellschaftsfähig.

Marihuana führt selten zu aggressivem Verhalten

Aber das eine schließt das andere scheinbar nicht aus. Immerhin hat er*sie die richtige Droge konsumiert, auch wenn sein*ihr Zustand jetzt alles andere als richtig erscheint.

Marihuana führt selten zu aggressivem Verhalten oder motorischen Ausfällen, die selbst einen ausgewachsenen Mann auf einmal hilflos wie ein Baby erscheinen lassen. Und ein grinsendes Gesicht auf MDMA hatte bis jetzt auch eher selten Probleme mit Prügeleien oder unnötigen Auseinandersetzungen.

Auch sexuelle Übergriffe werden zum größten Teil unter Alkoholeinfluss verübt. Letztlich birgt jede Droge ihre Gefahren. Selbst die Alltagsdrogen Zucker und Koffein sind keineswegs harmlos.(3) Rausch ist Rausch. Sucht ist Sucht.

Umdenken: Liberalisierung der Drogenpolitik

Also jetzt, wo wir einen klareren Blick auf die Dinge haben und dem Ganzen etwas offener gegenüberstehen, ist es Zeit, sich Gedanken darüber zu machen, inwiefern ein regulierter Drogenmarkt überhaupt möglich ist. An dieser Stelle kommt die bereits erwähnte Unterwelt zum Vorschein.

Wie will man mit Kartellen und Drogenbaronen kooperieren? Ihnen fortan eine Steuererklärung für ihre Geschäfte abverlangen? Richtig! Unmöglich. Also gilt es, die Drogenpolitik in den einzelnen Ländern zu liberalisieren und dem*der Userin somit eine Wahl zu bieten: durch den Staat regulierten, in Laboren produzierten, reinen Stoff zu konsumieren und sich hierfür gegebenenfalls zu registrieren oder weiterhin zu den Ticker*innen des Vertrauens ans andere Ende der Stadt fahren und auf gut Glück neues Zeug ausprobieren.

Ich denke, einige würden auf den staatlich kontrollierten Stoff zurückgreifen und somit nach und nach eine sinkende Nachfrage auf dem Schwarzmarkt provozieren, sodass dieser infolge von Preisverfall und daraus resultierenden Verschiebungen der Marktverhältnisse – nicht nur auf dem lateinamerikanischen Kontinent – implodieren könnte.

Umdenken in der Gesellschaft

Mit Sicherheit würde über die Jahre auch hier eine Regulierung stattfinden. Wie sollte es auch sonst funktionieren. Es geht immer irgendwie weiter. Alte Probleme lösen sich – neue tun sich auf. Aber da wirtschaftliche Interessen und natürlich das gute Geld letztlich wie immer ausschlaggebend sind, macht es auch erst einmal keinen Sinn sich weiter mit der Reformierung der Drogenpolitik zu befassen. It’s all about the money.

Aber ein Umdenken in der Gesellschaft, das lässt sich auch ohne Geld erreichen. Durch Aufklärung. Gerade in Deutschland – der Biernation überhaupt –, wo ein gepflegter Vollrausch nicht nur pünktlich zum Oktoberfest das deutsche Kulturgut definiert, sollte die aufgeklärte Wissensgesellschaft doch eigentlich offener gegenüber sinnesbetäubenden Stoffen sein.

Fazit: Die Dosis macht das Gift.

(1) MDMA (oder auch Emma im Partyjargon) ist eine Form von Ecstasy, besser gesagt: der chemische Name von XTC ist MDMA oder 3,4 Methylendioxymethylamphetamin.

(2) „Einem Bericht der BBC zufolge werden in Großbritannien jedes Jahr etwa 50.000 Menschen aufgrund einer Überdosierung von Paracetamol ins Krankenhaus eingeliefert. […] Nach Angaben des Amtes für nationale Statistiken waren 219 Todesfälle im Jahr 2016 mit Paracetamol verbunden, vier Jahre zuvor waren es noch 182.“

(3) Der übermäßige Konsum von Koffein belastet den Organismus. Dieser reagiert häufig mit Schweißausbrüchen, Zittern, Kurzatmigkeit, Nervosität, Herzflattern oder Schlafstörungen. Auch Kopfschmerzen können aufgrund der gefäßverengenden Wirkung des Koffeins und der daraus resultierenden Minderdurchblutung entstehen. Manche Menschen reagieren nach dem Konsum von Koffein sogar mit Angstzuständen. Ein langzeitlicher übermäßiger Zuckerkonsum führt zu Fettleibigkeit, Herzkrankheiten und/oder Diabetes. Darüber hinaus sind körperliche Gebrechen eine Folge der oftmals jahrelangen Überbelastung der Gelenke und Muskulatur.

Über die Autorin: Nadine bloggt auf Facebook und teilt auf Instagram und ihrer Webseite persönliche Erfahrungen und Alltag.

 

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