Ich war schon Feministin, bevor ich wusste, was Feminismus ist

Journalistin Melina Seiler

Es gibt kein „bevor ich eine Feministin war“ und ein „danach“. Zumindest nicht so, wie sich das manche vorstellen. Es gibt eher ein „unwissend“ und „wissend“, ein „naiv“ und ein „aufgeklärt“, ein „irritiert sein von der Welt“ und ein „verstehend“.

Ein paar Beispiele: Es gab nie einen Zeitpunkt in meinem Leben, an dem ich Abtreibung moralisch verwerflich fand. Als wir diesen Konflikt erstmals im Philosophieunterricht besprachen, war für mich die Sache glasklar.

Schon sehr früh habe ich erkannt, dass ich auf Ungerechtigkeiten jeglicher Art allergisch reagiere. Ich wurde oft so wütend, dass ich weinen musste. Also war ich eine Kämpferin für Gerechtigkeit und Gleichberechtigung.

Aber ich war unwissend. Ich glaubte, wir lebten in einer Welt, in der es keinen Rassismus gibt und keine Homo- und Transphobie. Uns wurde in der Schule von dem Rassismus und der Trennung zwischen schwarz und weiß in den USA berichtet und von Apartheid. Aber vor allem davon, dass all das in der Vergangenheit liegt.

Eine Frau Kanzlerin und ein schwarzer Präsident

Ich bin in einer Welt groß geworden, in der eine Frau deutsche Kanzlerin ist und ein schwarzer Mann amerikanischer Präsident war. Und meine weiße, kleinstädtische Bubble ließ in der Jugend nicht viel anderes „Wissen“ zu. Auf meinem Gymnasium gab es in meiner Stufe genau eine Person of Color (PoC). Er gehörte dazu. Hatte Freunde. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass er vielleicht andere Erfahrungen macht. Wir hatten nie viel miteinander zu tun. Deswegen weiß ich es nicht.

Ich hatte Freund*innen mit Eltern, die in Russland oder Polen aufgewachsen sind. Eine meiner engsten Freundinnen hatte serbische Eltern. Ich habe nie unterschieden. Irgendwann musste ich aber leider lernen, das andere das sehr wohl tun und was mich mein White Privilige* hat nicht sehen lassen. Ich hätte hinterfragen müssen, warum keine PoC-Lehrende an meiner Schule waren und warum schätzungsweise allerhöchstens 10% der Schüler*innen einen Migrationshintergrund hatten (ja, schreckliches Wort!).

(*Bedeutung: Die Tatsache, dass Menschen mit weißer Haut gesellschaftliche Vorteile haben, die andere nicht haben/dass Menschen mit weißer Haut nicht aufgrund ihrer Hautfarbe diskriminiert werden und Rassismus ausgesetzt sind)

Der Mathelerher meinte, ich sei nicht schlau genug, weil ich ein Frau bin

Aber was ich immer war, war ein Mädchen und dann eine Frau. Und ich dachte wirklich, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind. Sagt ja schließlich auch das Gesetzt. Rollen und Geschlechterklischees habe ich nicht wahrgenommen. Erst viel, viel später konnte ich einordnen, was ich als Mädchen und junge Frau erlebt habe.

Der Mathelehrer, der meinte, dass ich als Frau vielleicht einfach nicht schlau genug sei für Mathe und mit der Note vier (ausreichend) leben sollte, als ich ihn um Hilfe bat. Zugegeben, Mathe und MINT-Fächer waren nie mein Ding, ABER ich hatte Mathe im Abitur und mit einer zwei (gut) abgeschlossen. BÄHM!

Denn ein „geht nicht“ gab es nie für mich. Und sehr sehr viele Frauen sind gut in diesen Fächern! Das hat nichts mit dem Geschlecht zu tun. Als sich später herauskristallisierte, dass ich gut im Schreiben bin und mit 14 Jahren begann bei der städtischen Tageszeitung zu schreiben, begann selbiger Lehrer sich bei mir einzuschleimen.

Für die Sichtbarkeit von Vielfalt war kein Platz

Ich weiß nicht von einer einzigen Person an meiner Schule, die homosexuell ist. Nicht eine Person aus meiner Stufe, noch aus der Lehrerschaft. Ich weiß aber, dass sich die Schüler*innen über diesen einen Lehrer lustig machten, den sie für schwul hielten. Dass ich bisexuell bin, war für meine Freund*innen zwar nie ein Thema, aber ich habe es zu Schulzeiten nicht gelebt. Gerade gestern erzählte mir ein alter Schulfreund, dass er auch ab und zu mit Männern schläft. Die Vielfalt war also doch da, tief in den Menschen. Jetzt kommt sie raus. Vorher war für ihre Sichtbarkeit kein Platz.

Weiter geht’s: Zum Glück haben meine Eltern mir kein Pink aufgedrückt. Ich hatte Barbies, aber auch Lego und Playmobil und nicht in der rosa Variante. Ich wollte ein ferngesteuertes Auto, also habe ich eins bekommen. Ich habe im Dreck gespielt und gewühlt, bin auf Bäume geklettert.

Aber die BRAVO hat mich geprägt. Auf die Art und Weise, wie sie „Flirt-Tipps“ gab. Niedlich und still sein. Von unten nach oben devot hochschauen, in der Hoffnung, dass ein Junge auf mich herabblickt und sieht. Habe ich zwar nie in der Form ausprobiert, aber trotzdem irgendwie geglaubt. Ich musste mich da raus kämpfen. Jungs selbst ansprechen („Oh Gott, das würde ich mich ja nicht trauen“, sagten die Freundinnen), das war mutig.

Kein BH und Schamhaare = Mobbing

Die Art und Weise, wie meine Brüste zum Thema wurden für mein Umfeld, ist eine andere Geschichte, die mich geprägt hat. Als ich in der siebten Klasse schon Körbchen D hatte (so wie heute)  hatten die Jungs einen Spaß daran, das zu schätzen. Das Mädchen aus meiner Stufe, das nie einen BH trug, wurde gemobbt. Die Mädels, bei denen man im Schwimmunterricht Schamhaare sah, wurden gemobbt. Ich war angepasst was das anging. Wollte beim ersten Ansatz von Busen einen BH und rasierte mich mit 13 Jahren zum ersten Mal – und wusste bis zu meinem 21. Lebensjahr nicht, wie ich mit Haaren aussehe.

Und überhaupt: Die Sache mit den Schönheitsidealen. Das ist wohl das, was mich am stärksten geprägt hat. Das schön und weiblich Sein. Begehrenswert sein wollen. Sich viel Gedanken über Kleidung und Nagellackfarbe machen. Immer perfekt geschminkt und rasiert sein. Den Wunsch, als schön wahrgenommen zu werden.

Ich wollte dies zwar auch damals schon immer in Kombination mit Intellekt und Talent, aber Schönheitsideale hatten trotzdem zu viel Platz. Und es war letztendlich egal, ob ich diese erfüllte. Gemobbt wurde ich trotzdem, weil ich es wagte, individuell zu sein. Denkend, schreibend. Und einen scheiß auf Markenkleidung  gab. Weil meine Welt aus Büchern bestand und mich der größte Teil des Schulunterrichts wirklich interessierte. Weil mir schon immer klar war, dass ich die Welt, in der wir leben, nicht mag. Nicht so, wie sie aktuell ist.

Kein „Girlfriend-Material“

Auch nach der Schule lernte ich jeden Tag aufs Neue, wie ich kontinuierlich auf meinen Körper reduziert werde. Dass viele Männer mich jagen und erlegen wollen wie Vieh (weil sie es nicht anders gelernt haben). Und dass mein Ehrgeiz und meine Ambitionen ihnen noch den extra Kick gaben. Aber so „Girlfriend- Material“ ist das nicht wirklich. Ich solle ein bisschen bedürftiger sein, vielleicht würde dann jemand bleiben wollen. Wurde mir so mehr als einmal gesagt. What?! Scheint so, dass selbstbewusste und eigenständige Frauen, die auf ihren eigenen Beinen stehen wollen, es wohl wirklich „schwerer“ haben. Man ist halt nicht angepasst.

Irgendwann kam dann das Wort Feminismus dazu, durch einen Zufall. Denn natrürlich fand es in meiner zwölfjährigen Schullaufbahn nicht einmal Erwähnung. Durch ein Buch, dass der Kumpel einer (wie ich im nachhineinsagen muss sehr konservativen) Affäre von mir für mich kaufte. Skuriller Zufall. Er kaufte es einfach so. Und dann machte auf einmal alles Sinn. Ich verstand Zusammenhänge. Ich verstand, dass auch andere Menschen erleben und hinterfragen wie ich.

Ich war nie eine Antifeministin

Also liebe Menschen, die in letzter Zeit öfter irritiert sagten: „Du hast dich so verändert. Du hast zwar irgendwie Recht, aber ist das alles ein bisschen extrem?“

Ja, ich habe mich verändert. Ich habe angefangen, laut und deutlich zu sagen, was ich denke und wofür ich stehe. Das hat sich auch präzisiert. Aber ich bin immer noch ich und stehe noch immer für das Gleiche. Ich war nie eine Antifeministin. Meine Welt ist jetzt bloß bunter und vielfältiger. Ich repräsentiere alles, was ich bin. Lebe es und kenne Menschen, die das Gleiche tun. Wie könnte ich eine Männerhasserin sein, mit all den wundervollen Männern in meinem Leben. Und während ich diesen Text im Zug schreibe, kauft mir der junge Mann neben mir eine Flasche Wasser. Einfach so ohne, dass wir vorher ein Wort wechselten. Danke.

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