Kreativität im Beruf: Design Thinking und Think Tank

Ein Interview.

Kreativität, INNOKI Teambesprechung

Bei INNOKI ist Kreativität alltäglich: Im Team kommen einem dabei häufig die besten Ideen. Foto: Daniel Grimm

Design Thinker ist eine Berufsbeschreibung und Think Tank eine Kreativitätstechnik, was steckt dahinter? Hendrik Dahlhaus, Design Thinker und Co-Founder der Innovationsberatung INNOKI in Berlin, verrät Vierstimmig alles über das Konzept des Design Thinking und welche Rolle die Kreativität dabei spielt.

Vierstimmig: Was kann man sich unter Design Thinking vorstellen?

Hendrik Dahlhaus: Design Thinking ist eine Methode, mit der man an komplexe Problemstellungen herangeht und versucht einen Lösungsweg zu finden. Wir arbeiten dabei in interdisziplinären Teams, d.h. in bunt zusammengemischten Teams aus Menschen, die die verschiedensten Ideen und Ansichten haben.  Wir brauchen diese Diversität. Denn im Gegensatz zu anderen Problemlösungsmethoden prüfen wir nicht gleich die technische Lösbarkeit der Aufgabe, sondern definieren erst klar und deutlich, was eigentlich das vorliegende Problem ist. Denn bevor man anfängt Ideen zu generieren, muss man erst einmal wissen, wo das Problem liegt. Die Diversität bringt dem Team unterschiedliche Perspektiven auf ein Problem.

Hättest du dazu ein Beispiel?

Ja. Wir haben einmal ein Projekt mit einem Ingenieursverband gemacht. Das Projekt war schon sehr speziell, doch sehr interessant. Es betraf Menschen in Entwicklungsländern, die ihr Bein unterhalb des Knies amputiert hatten. Das Problem lag darin, dass sie keine Prothesen in Anspruch nehmen wollten, obwohl sie vom Staat finanziert werden.

Design Thinker Hendrik Dalhaus

Als Design Thinker hinterfragt Hendrik Dahlhaus nicht das Problem, sondern dessen Ursache. Foto: Daniel Grimm

Unternehmen kommen mit ihren Problemen zu uns, doch treffen schon vorher Annahmen. Sie denken, sie würden bereits wissen, woran das Problem liegt. In diesem Fall dachten sie, dass die Menschen nicht genug Zeit hätten, sich die Prothesen beim Arzt anpassen zu lassen. Doch Design Thinking ist nicht spekulativ. Wir wollen im Detail verstehen, was das Problem ist. Nicht jeder Mensch in einem Entwicklungsland, der ein Bein unterhalb des Knies amputiert hat, hat den gleiche Grund, keine Prothese zu tragen. Die Gründe sind so verschieden, wie die Menschen selbst.

Und wie läuft eine solche Problemerörterung ab?

In der ersten Phase treten wir mit den Betroffenen des Problems in direkten Kontakt. In unserem Beispiel haben wir die Menschen in Afrika besucht und uns mit Ihnen unterhalten. Dabei haben wir herausgefunden, dass es gar kein Zeitproblem ist, die Prothese beim Arzt anpassen und warten zu lassen. Es hat eine Vielzahl von Ursachen. Zum Beispiel liegt es zum einen daran, dass viele Betroffene zu weit vom Krankenhaus weg wohnen und meistens kein Auto haben.

Somit haben sie keine Möglichkeit, die Arzttermine wahrzunehmen. Außerdem hat sich herausgestellt, dass es noch ein weiteres soziales Problem gibt: Männer, die Prothesen oder Krücken tragen, gelten in der Gesellschaft als schwach. Sie werden wegen ihrer Verletzung nicht sozial anerkannt, da sie nicht für ihre Familie sorgen können. Und das Laufen auf Krücken macht auf Dauer die Hände kaputt, weil die Krücken nicht an das afrikanische Landleben angepasst sind. Es würde also nicht ausreichen, nur einen Bus zu organisieren, der die Menschen zu ihren Terminen in Krankenhaus bringen würde.

Die Komplexität des Problems ist so hoch, dass wir als Design Thinker uns nun nur auf ein Teilproblem fokussieren. Denn wir können nicht alle gleichzeitig lösen. So haben wir uns für das Problem der sozialen Akzeptanz entschieden und gesagt: Wir wollen eine Prothese bauen, der man nicht ansieht, dass es eine ist.

Design Thinking ist doch ziemlich analytisch. Gibt es auch einen kreativen Anteil?

Man kann Design Thinking, wie gesagt, in die Problemphase, in der wir -so wie eben beschrieben- das Problem analysieren und zusammenfassen und in die Lösungsphase aufteilen. Die Lösungsphase ist bestimmt durch Kreativtechniken, in der wir als Team Brainstormen und versuchen, neuartige Lösungen zu finden. Diese werden dann möglichst schnell durch einen Prototyp anfassbar und erlebbar gemacht sowie mit dem Nutzer getestet.

Was ist für euch wichtig, um in der zweiten Phase als Team kreativ zu werden?

Die Umgebung ist besonders wichtig. Um kreativ zu arbeiten, sollte man sich wohlfühlen. Dazu haben wir flexible Räume und eine freie Raumgestaltung. Wir arbeiten in unseren interdisziplinären Teams absolut hierarchiefrei. Niemand ist übergeordnet, jeder ist dem anderen ebenbürtig. So soll gewährleistet sein, dass sich alle Teammitglieder sicher fühlen und es keine Hemmungen aufgrund einer hierarchischen Positionierung gibt.

Kreativmethoden, INNOKI

Kreativmethoden wie das Brainstorming geben Denkanstöße und fördern somit die Kreativität jedes Einzelnen im Team. Foto: Daniel Grimm

In der Kreativphase soll und kann nämlich jede Idee geäußert werden. Die Qualität ist egal, wir wollen die Quantität, damit jeder auf den Ideen der anderen Teammitglieder aufbauen kann. Der Impuls einer jeden Idee wird gebraucht. Aber nur durch ein heterogenes Team entstehen Reibungsfläche und Kontroversen zum Diskutieren. Das ist gut und gewünscht, um eine mögliche Innovation herauszubringen.

Also seid ihr in der Gruppe kreativer oder Einzeln?

Das kommt ganz drauf an. Wir machen sowohl Gruppenbrainstorming als auch Silent-Brainstorming, wo jeder für sich alleine nachdenkt. Eine Idee an sich entsteht in jedem Einzelnen, doch zusammen kann man sich besser Impulse geben, um neue Denkanstöße zu triggern. Eine gute Idee entsteht dann, wenn unser Kopf unterfordert ist. Muss man unter Druck Ideen entwickeln, passiert es schnell, dass man sich zu sehr fokussiert und sich an Dingen festhält, die man schon kennt. Es gibt keine einheitliche Theorie, die besagt, wie Ideen kanalisiert werden. Aber die besten Ideen kommen mir beim Zähneputzen oder Einschlafen. Genau dann, wenn mein Gehirn unterfordert ist.

Deswegen ist es ein ständiger Wechsel zwischen Gruppen- und Einzelkreativphasen. Wir arbeiten meistens in der Gruppe und wenn wir zu Hause Ideen haben bringen wir sie den nächsten Tag mit in ins Team, diskutieren darüber und entwickeln sie weiter.

Nutzt ihr im interdisziplinären Team auch Kreativmethoden, um eure Kreativität zu fördern?

Na klar. Design Thinking kann man sich auch als Methodenkasten vorstellen. Bevor wir mit Brainstomings starten, dröseln wir zuerst einmal unser Teilproblem in Unterfragen auf und sortieren diese nach Denkrichtungen. Für jedes Brainstoming wählen wir eine eigene Frage. Bei einem normalen Brainstorming schreibt jeder seine Idee auf ein Post-It, sagt es laut, damit alle es mitbekommen und heftet es dann vorne ans Whiteboard. Dabei bewerten wir keine Ideen, sondern machen erst einmal Masse.

Eine anderes, aktiveres Brainstoming ist das Bewegungsbrainstorming. Hierzu laufen wir beispielsweise als Gruppe um den Tisch und jeder muss ein Post-It mit einer Idee an die Tafel kleben, sobald er an der Tafel vorbeikommt. Die Bewegung regt den Blutkreislauf an. Oder das assoziative Brainstorming: Dabei guckst du im Raum herum und überlegst, wie du zum Beispiel Menschen mit Beinamputation in Entwicklungsländern schneller vom Land ins Krankenhaus bekommst. Dann siehst du ein Sofa und kommst auf die Idee: Wir müssen fliegende Sofas bauen! Vielversprechende Ideen gilt es möglichst schnell als Prototype umzusetzen, um sie sich selbst und anderen zu verbildlichen. In unseren Workshops sitzen am Ende auch Top-Manager da und bauen Sachen mit Lego!

Abschließend noch die Frage: Was muss man deiner Meinung nach mit sich bringen, um Design Thinker zu werden?

Es gibt kein spezielles Anforderungsprofil für einen Design Thinker. Doch sollte man offen sein, sich selbst und anderen gegenüber wertneutral begegnen können. Ein Empathievermögen ist dabei sehr wichtig.

Das Interview wurde bereits im Hochschulmagazin BiTSLicht (Ausgabe 29, S.12-14), veröffentlicht.

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