Virtual-Reality: Trocken unter Wasser

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Über den Bildschirm können andere mitverfolgen, was der Proband gerade in der virtuellen Realität sieht. Foto: Désiree Schneider 

Frankfurt. Virtual-Reality Brillen — kurz, VR Brillen oder auch Head-Mounted Display (HMD) — haben schon 2016 Einzug in die deutschen Wohnzimmer gehalten. Unsere Probandin Désiree hat sie auf der vergangenen Frankfurter Buchmesse selbst getestet. So bewertet sie, selbst Hobbytaucherin, ihren Tauchgang in die Tiefen eines virtuellen Korallenriffs.

Wieviel Uhr es war, weiß ich nicht mehr, wie lange ich dort war, auch nicht. Fasziniert von den weichen und harten Formen der Korallen, die sich in den Strömungen wiegen, und den bunten Fischen, die um mich herumschwimmen, wo eben noch der Rummel und die Betriebsamkeit der Buchmesse waren, habe ich jegliches Gefühl verloren. Schau, dort schwimmt eine Schildkröte und über mir die Unterseite eines kleinen Bootes. Schwimme ich tiefer, wird es um mich herum dunkler und blicke ich nach oben, sehe ich, wie sich das Sonnenlicht an der Wasseroberfläche bricht. Ich bin an einem anderen Ort, doch so bewusst wird es mir erst, als ich die Brille wieder abnehme.

Von außen mau, von innen wow

Das Gestell der VR-Brille ist groß und die Brille selbst klobig. Es wird wie ein Helm über den Kopf gestülpt. Alles, was du durch die Brille siehst, können die andere Menschen von außen über einen Fernseher mitverfolgen. Von außen sieht es für mich nur wie ein Videospiel aus, nichts wirkt real und alles ist klar „hinter dem Bildschirm“.

Ein integrierter Bewegungssensor nimmt die Bewegungen meines Kopfes wahr, sodass ich mich durch kurzes Nicken und Kopfneigen nach unten und oben bewegen kann. Drehe ich den Kopf nach links oder rechts, schwimme ich zur Seite. Und es fühlt sich allzu real an.

Natürlich fehlt das kühle Nass, der Neoprenanzug, das Gewicht der Sauerstoffflasche auf deinem Rücken und die Materie des Wassers, doch für einen Moment glaube ich, zu tauchen. Die Sicht um mich herum ist klar, ich kann mich einmal um meine eigenen Achse drehen. Mein Blickfeld ist weit, nur an den Rändern, wenn ich die Augen sehr verdrehe, erkenne ich, dass meine Unterwasserwelt unscharf wird.

Die Fische berühren mich nicht, was sie bei einem echten Tauchgang aber auch nur tun würden, wenn man so lange ruhig verharrt, bis man sich in ihre Umgebung einblendet – oder etwas zu fressen für sie dabeihat.

Virtual-Reality für den Umweltschutz

Da mir von den Kopfbewegungen leicht schwindelig wird, nutze ich den Controller, um mich fortzubewegen. Jedoch haben mich die realistischen und naturgetreuen Abbildungen der Korallenebenen so sehr in den Bann gezogen, dass ich teilweise mit den Fingern von den Tasten abkomme. Sie fühlen sich nun unrealistisch an.

Blinken Korallen in meinem Sichtfeld auf, kann ich auf sie zu schwimmen und mir Informationen über sie anzeigen lassen. Ich bin allzu enttäuscht, als ich das Ende des Korallenriffs erreiche.

Auch das ist real gestaltet, denn sie enden sehr abrupt und dahinter ist nur tote Einöde. Was auch der Wahrheit entspricht: Derzeit sind 30 Prozent der Korallenriffe der Weltmeere zerstört und jährlich werden es fünf Prozent mehr, dabei machen Korallenriffe zwar weniger als 0,2 Prozent der Ozeane aus, beherbergen aber ein Viertel aller Fische und anderer Meeresbewohner wie ich später einem Flyer des Leibniz-Zentrums für Marine Tropenforschung (ZMT) entnehmen kann.

Der Magen ist das Hindernis

Nun muss ich die Brille aber wieder abziehen, mir ist schwindelig und etwas flau im Magen, so als würde ich auf einer langen Autofahrt ein Buch lesen.  Das Phänomen nennt man Motion-Sickness, wie ich danach in einem Artikel auf SZ.de nachgelesen habe.

Während das Auge unsere Bewegung in der virtuellen Welt wahrnimmt und an das Gehirn weitergibt, nimmt die Flüssigkeit in den semizirkulären Kanälen des Innenohrs, die eigentlich dafür zuständig ist, Körperbewegung zu registrieren, keine Bewegung wahr. Die widersprüchlichen Informationen verwirren den Körper.

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Mit dem Controller oder einer Kopfbewegung bewegt man sich in der virtuellen Welt fort. Foto: Désiree Schneider 

Nachdem ich mich ruhig hingesetzt und Wasser getrunken habe, hat sich mein Kreislauf wieder beruhigt. Der menschliche Körper ist wahrhaftig leicht zu täuschen.  Das waren 20 Minuten, wobei ich die Brille eben erst aufgezogen hatte.

Mit einer VR-Brille lassen sich lebensecht Simulationen nachempfinden – ich würde es jederzeit wieder ausprobieren. Jedoch am liebsten mit einem mit besseren Sensoren ausgestatteten Modell, das sich nur über Kopfbewegungen steuern lässt. Mit einem etwas kleineren Sichtfeld würde es außerdem leichter Fallen den Blick zu fixieren, was für mehr Spielspaß sorgen würde bevor der Magen rebelliert.

Es ersetzt nicht das Gefühl eines wirklichen Tauchganges, doch gibt einen guten Vorgeschmack und die Unterwasserwelt bleibt verschont.

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