Wie kreativ müssen Journalisten sein?

Wie kreativ müssen Journalisten sein? Foto: Pixabay

Wie kreativ müssen Journalisten sein? Foto: Pixabay

Die Journalisten der heutigen Zeit müssen vieles sein: allem voran Alleskönner. Die digitale Welt verlangt von ihnen, gute Texte zu schreiben, gute Fotos zu schießen und auch Videos drehen zu können, denn im Internet treffen alle journalistischen Bereiche aufeinander. Es stellt sich die Frage, was ein journalistischer Schreiberlig können muss. Versteht er sich als „Redakteur“, der sich ausschließlich des journalistischen Handwerks bedient oder besitzt er Talent zum kreativen Schreiben? In wie weit ist im Journalismus Platz für Kreativität? Drei Journalisten aus den unterschiedlichsten Bereichen und Medien gehen der Frage auf den Grund.

MOPO Mitarbeiter

Harald Stutte von der MOPO schreibt über Politik aus Deutschland und der Welt. Foto: privat

Harald Stutte, Politikredakteur der Hamburger Morgenpost (MOPO), des Kölner Express und des Berliner Kuriers, sowie Buchautor und freier Autor für Reisemagazine:

„Ich glaube, unsere Medien brauchen Redakteure UND gute Autoren. Wenn man das mit Eiskunstlauf vergleicht: Das eine ist die Pflicht, das andere ist die Kür. Es ist sehr wichtig, dass Journalisten die Basics des Journalismus beherrschen: Die Stilformen (Nachricht, Kommentar, Reportage, Bericht etc.) unterscheiden können, sauber zu recherchieren vermögen, seriöse Quellen von
Fake-Quellen unterscheiden können, Zitate als solche erkenntlich machen, keine Texte oder Bilder klauen. Das alles würde ich unter „Handwerk“ verstehen. Wer das beherrscht, muss noch kein guter Schreiber sein, er ist wohl eher ein guter „Informations-Manager“.
Jetzt zur Kür: Gute Schreiber sind das Sahnehäubchen in den Redaktionen. Menschen, die auch langweilige Themen stilistisch aufhübschen können, die uns neugierig machen, Texte mit Humor garnieren (aber bitte keinen unfreiwilligem!), uns überraschen und fesseln – es gibt sie leider zu wenig. Die Digitalisierung der Medien, der Boom sozialer Netzwerke wird da eher zum Manko: Es wird viel Buchstabenschrott herausgeblasen, Qualität spielt ebenso wenig eine Rolle, wie journalistische Standards (die „Pflicht“ – siehe oben).  Ich glaube aber, dass das eine Gegenbewegung auslöst. Wer ständig mit Wortmüll und TwitterDeutsch bombardiert wird, wird irgendwann zu schätzen wissen, wie großartig sich eine Reportage liest, für die ein Autor lange recherchiert hat und an der er stilistisch lange gefeilt hat.“

Lukas Hambrecht nimmt seinen Leser in jedem Artikel mit auf Reisen. Foto; Privat

Lukas Hambrecht nimmt seine Leser in jedem Artikel mit auf Reisen. Foto: privat

Lukas Hambrecht, Chefredakteur Amercian Classics, ehemals freier Autor (AUTO BILD, AUTO BILD KLASSIK, Projektleiter AUTO BILD US CARS, stellv. Chefredakteur MOTORAVER) und Paradebeispiel für kreatives Schreiben:

„Mein erstes Wort war „Mama“, das zweite war „Auto“. Zu meinen Kindheitserinnerungen gehört, wie ich während langer Fahrten eingemummelt auf der hinteren Matratzenlandschaft unseres alten VW T2 schlafe. Nur ein Schaumstoffkissen und etwas Blech zwischen mir und dem Monotongeprassel des luftgekühlten Boxermotors. Ich hatte noch lange keinen Führerschein, als ich anfing, Autohefte zu lesen, aber schon damals stellte ich fest: „Aha, das sind ja nicht nur Technikaufsätze von Diplomingenieuren!“ Das war der Zündfunke für meine beruflichen Pläne. Einige jener Autoren, deren Texte ich heimlich im Matheunterricht las, sind heute meine Kollegen. Sie sind Benzinblüter und verrückt nach Worten, genau wie ich. Mein Lieblingsthema liefert auch heute noch Treibstoff für wunderbare Geschichten.

Ich liebe das Knistern von Papier. Was nicht bedeutet, dass ich das Internet nicht mindestens genauso spannend finde, mit all’ seinen Möglichkeiten für gut gemachten Content, den nur leider viel zu selten jemand angemessen bezahlen will, voo wegen „Online first“. Wenn ich schreibe, erzähle ich davon, was man mit Autos erleben kann, über die Menschen, die sie fahren, manchmal auch über das Auto im zeitgeschichtlichen Kontext. Wenn ich meine Sache gut mache, sitzt mein Leser auf meinem Beifahrersitz, während er meinen Text verschlingt.

Ich finde: Handwerk ist wichtig, ich habe während meines Volontariats viel gelernt. Das Wichtigste am Schreiben ist für mich jedoch, dass der Autor überhaupt etwas zu sagen hat. Mein Wunsch ist, die Synapsen meiner Leser zu kitzeln. Sie zu unterhalten, aber auch mal zu provozieren. Mir sind schon Akademiezöglinge begegnet, denen es an jeglicher Fantasie gemangelt hat. Stell Dir vor, du fährst mit einem Fremden mit, der Dich anschweigt. So beginnen Horrorfilme.

Abschließend, zur Ausgangsfrage: Ob Journalist oder Autor, das hängt natürlich immer vom Genre ab. Journalisten, die Bundespräsidenten stürzen wollen, müssen andere Dinge können, als der Autor einer Publikumszeitschrift, von der Leser vor allem erwarten, gut unterhalten zu werden. In beiden Fällen geht es nicht ohne gottgegebenes Talent.“

Dr. Yasmin Schulten-Jaspers sagt, man muss die vielen Entwicklungen in der Branche als Chance sehen. Foto; privat

Dr. Yasmin Schulten-Jaspers sagt, man muss die vielen Entwicklungen in der Branche als Chance sehen. Foto: privat

Prof. Dr. Yasmin Schulten-Jaspers, gelernte Nachrichtenagenturjournalistin und heute Fachdozentin für Kommunikation und Medien an der UE (University of Applied Sciences Europe).

„Jeder Nachwuchsjournalist muss als essentielle Grundlage zunächst das journalistische Handwerk lernen. Das galt früher und das gilt auch heute im digitalen Zeitalter. Hat man es einmal erworben, gilt das Motto: Übung macht den Meister. Aber das allein macht niemanden zu einem erfolgreichen Journalisten. Nur derjenige, der ein Gefühl für Sprache mitbringt, sich in andere Menschen gut einfühlen und zuhören kann, der neugierig und offen ist und die zahlreichen Entwicklungen innerhalb der Branche nicht nur als Herausforderung, sondern auch als Chance begreift, hat meiner Meinung nach das Potential, ein guter und erfolgreicher Journalist zu werden.“

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