Die Industrialisierung von Liebe und Flirt

Manchmal enstehen sogar wirklich Liebesbeziehungen durch Dating-Apps, Foto; von Melina Seiler

Manchmal entstehen wirklich Liebesbeziehungen durch Dating-Apps. Foto: Melina Seiler

Ein großer Teil unserer Kommunikation läuft schon lange auf mobilem Wege. Erst die SMS, jetzt die WhatsApp-Nachricht. Die Zeiten, in denen man nach der Festnetznummer fragte, oder sich direkt für ein Date verabredete, sind vorbei. Wie verändern Dating-Apps unser Leben und Lieben?

Standartfrage beim Versuch jemanden kennenzulernen ist die nach der Handynummer. Anschließend erfolgt ein nicht unerheblicher Teil über WhatsApp. Es wird getippt was das Zeug hält. Noch vor dem ersten Treffen kennt man die Hobbys, Lieblingsmusik, Anzahl der Haustiere und Geschwister sowie den Beruf des Flirtpartners – so geht Dating heute.

Entscheidung nach dem optischen Reiz

Seit es Apps wie Lovoo und Tinder gibt, hat die Industrialisierung von Liebe und Flirt ein neues Ausmaß angenommen. Seinen Flirtpartner muss man jetzt nicht mal mehr kennen, um ihm zu schreiben. Auf dem Smartphone erscheint ein Bild von einer Person, außerdem sind Name, Alter und Entfernung vermerkt. Mit einem einfachen Wisch nach rechts für „Ja“ oder einem Wisch nach links für „Nein“ kann man entscheiden, ob die Person für einen von Interesse ist. Über Zu- oder Abneigung entscheiden oft nur Bruchteile einer Sekunde. Zwar ist es auch möglich, zuvor das Profil aufzurufen, um dort weitere Fotos und einen kleinen Steckbrief zu sehen. Die Entscheidung folgt trotzdem nach dem optischen Reiz.

Wenn auch die andere Seite Interesse zeigt, ist ein sogenanntes Match entstanden. Man kann Bilder bewerten, Nachrichten schreiben, und noch einiges mehr. Je nach App variieren die Funktionen. Die männlichen Nutzer sehen in der kostenlosen Variante meist weniger als die weiblichen.

Auf die junge Generation zugeschnitten

Diese Apps haben allerdings eher den Ruf, unverbindliche Kontakte herzustellen und ein Vermittler für One-Night-Stands zu sein. Wohingegen Partnerbörsen wie eDarling und ElitePartner eher auf die Entstehung langfristige Partnerschaften setzen. Trotzdem haben Dating-Apps ihre Berechtigung. Sie sind den Bedürfnissen der jungen Generation angepasst. Gerade Jugendliche und junge Erwachsene sind in einem Alter, in dem langfristige Partnerschaften nicht zwangsläufig die Priorität Nummer eins sind. Wenn sie sich ergeben, ist das schön – aber viele junge Menschen probieren sich erst aus.
Außerdem sind die Nutzer vielfältig: Personen, die Beziehungen wollen und Personen, die sich das offen lassen. „Diese Apps zu ernst zu nehmen und in der Realität keine Kontakte zu knüpfen, wäre ohnehin zu naiv“, warnt zum Beispiel Alina (20). Mit einer App kann man das Flirtverhalten trainieren, neue Kontakte knüpfen und schüchterne Menschen trauen sich virtuell oft mehr. Sie birgt aber auch die Gefahr einer Menge bedeutungsloser Smalltalks. „Man muss für sich selbst herausfinden, welche Vorteile man daraus zieht“, findet Tim (21).

„Man weiß, dass jeder auf der Suche ist.“

Was passiert nun nach einem Match? Manchmal gar nichts, oft beginnt ein Gespräch im Chat. Nach einem gelungen Chat kann ein Treffen folgen und manchmal auch mehr, egal ob nun verbindlich oder unverbindlich. „Es ist ein Vorteil, dass man weiß, dass dort jeder auf der Suche ist. In der Disco weiß ich nicht wer Single ist und wer nicht“, sagt Alina. Sie hat mal jemanden über Lovoo kennen gelernt. „Geknutscht haben wir auch, aber mehr ist dann daraus doch nicht entstanden.“ Der klassische Flirt stirbt also nicht aus. Es handelt sich bei der ganzen Flut an Dating-Apps nur um einen anderen Beginn der Zweisamkeit, am Ende steht immer noch die körperliche Nähe. Und die kann kein Smartphone der Welt ersetzen.

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