Der Dschungel der Berufe

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Es gibt von Jahr zu Jahr immer mehr Berufe. Wie soll man sich da für einen entscheiden? Foto: Michèle Loos

Wie viele Personen gibt es, die von Kindesbeinen an wissen, welchen Beruf sie später ausführen möchten? Wahrscheinlich die wenigsten. Der Wunschberuf verändert sich im Laufe der Jahre. Wollte man zuerst noch Prinzessin oder Sängerin werden, ist man dann später vom Beruf der Lehrerin oder der Tierärztin fasziniert. Auch bei Jungs ist es so, doch sind es da eher actionreichere Berufe, wie Feuerwehrmann oder Polizist. Sobald man dann jedoch in das Alter kommt, in dem man sich einen Praktikumsplatz suchen muss, ist man ratlos. Wo soll ich denn jetzt ein Praktikum machen?

Die Schule ist dabei meistens keine große Hilfe. Im Unterricht wird man zwar auf Seiten wie „Berufenet“ von der Arbeitsagentur aufmerksam gemacht, allerdings wusste ich danach immer noch nicht, welchen Beruf ich auf jeden Fall erlernen möchte. Wenn man dann eine Branche und ein passendes Praktikum gefunden hat, kann man allerdings sehen, ob der Beruf etwas für einen ist. Bei mir war es nach dem ersten Praktikum in der neunten Klasse so, dass ich gemerkt habe, dass ich für den Beruf zur Physiotherapeutin nicht gemacht bin. Einen Beruf konnte ich also schon einmal abhaken.

Einfach mal ausprobieren

Als ich dann 16 wurde, durfte ich dann meinen ersten Ferienjob in einer Firma für Rohrleitungskomponenten anfangen. Schon nach dem ersten Tag war mir klar: Ich bin nicht für die Industriebranche geboren. Schon allein das frühe Aufstehen, damit um 6 Uhr der Arbeitstag beginnen kann, hat mich fertiggemacht. Aufgeben kam mir aber nicht in den Sinn. Ich habe die drei Wochen durchgezogen. Immerhin habe ich Geld dafür bekommen: Doch eins habe ich in den drei Wochen verstanden: den Job, für den ich mich später entscheide, muss ich etwa fünfzig Jahre lang ausüben. Ich sollte ihn also schon mögen und Spaß daran haben.

Während einige meiner Freunde in Panik verfielen, weil sie sich bald für einen Beruf entscheiden und sich für einen Ausbildungsplatz bewerben mussten, war ich noch ganz entspannt. Für mich war immer klar, dass ich mein Abitur machen will. Doch als dann in der elften Klasse das nächste Praktikum anstand, hatte ich wieder dasselbe Problem: Welchen Beruf kann ich mir vorstellen auszuüben und finde ich einen Praktikumsplatz? Als ich drei Wochen vor dem Praktikumsbeginn immer noch keine Ahnung hatte, stieg auch bei mir die Panik. Zum Glück konnte ich in der Firma, in der ich zuvor die Ferienarbeit gemacht hatte, ein Praktikum als Industriekauffrau machen. Moment, INDUSTRIEkauffrau?

Ja, ganz genau. Ich wusste zwar schon vorher, dass ich nicht in der Industriebranche arbeiten möchte, doch hatte ich mir noch nie zuvor einen Bürojob angesehen. Das Praktikum hat mir gefallen und auf jeden Fall geholfen. Ich wusste, ich habe keine großen Probleme meinen Arbeitstag vor einem Computer zu verbringen. Und auch das Schreiben von so manchen Texten hat mir Spaß gemacht. Doch war ich mir dennoch immer noch nicht im Klaren, wo ich meine berufliche Zukunft sehe.

Bücher wälzen und Internetseiten nach dem Traumjob durchforsten

In der Zeit danach hieß es für mich also recherchieren. Welcher Beruf passt zu meinen Interessen? Wo kann ich Zeit im Büro verbringen und Texte schreiben? Welcher Beruf ist dabei am besten noch etwas abwechslungsreich? Die Verzweiflung stieg mal wieder in mir auf. Es gibt einfach viel zu viele Berufe. Wie soll man sich in diesem Dschungel der Berufe durchkämpfen? Es hilf alles nichts, ich musste mir die unzähligen Berufsbeschreibungen der Bundesagentur für Arbeit durchlesen.

Als ich einige Berufe gefunden hatte, die sich für mich ganz interessant anhörten, habe ich zu denen noch weiter recherchiert. Was brauche ich für einen Abschluss? Muss ich studieren? Gibt es eine reelle Chance in meiner Nähe einen Arbeitsplatz zu finden? Denn eines war klar: ich wollte weder studieren, noch aus meinem wunderschönen, kleinen Dorf wegziehen. Ich bin ein Dorfkind und Universitäten liegen meistens nicht nur in einer großen Stadt, sie sind auch noch riesengroß. Das ist einfach nichts für mich. Beim Recherchieren kam dann die Enttäuschung: die Berufe, die ich rausgesucht hatte, hatten alle etwas mit Medien zu tun. Und solche Berufe kann man in einem kleinen Dorf nicht ausüben.

Bewerbungen, Bewerbungen, Bewerbungen

Das Abitur rückte immer näher und ich musste mich für einen Ausbildungsplatz bewerben. Ich entschied mich also für den Plan B. Ich schrieb über 90 Bewerbungen für einen Ausbildungsplatz als Bürokauffrau. Doch wie soll man eine Bewerbung glaubhaft schreiben, wenn man eigentlich weiß, dass es nicht der Beruf ist der einen glücklich macht? Ich fand darauf keine Antwort und schrieb einfach den üblichen „08/15“ Bewerbungstext. Der Beruf hatte nichts mit Medien zu tun, aber es war immerhin einer, den man in meiner Umgebung gut erlernen kann. Ich erhielt schnell viele Absagen. Ab und zu war eine Einladung zu einem Einstellungstest dabei, doch nach dem Test erhielt ich wieder Absagen.

Eigentlich auch kein Wunder, bei diesem unmotivierten Bewerbungstext. Und dann wurde mir eins klar: ich werde nicht glücklich, wenn ich in meinem Dorf bleibe und einen Job ausführe, den ich eigentlich gar nicht will. Ich muss raus aus meinem kleinen Kosmos und mich in die große weite Welt trauen.

Die große weite Welt wurde es dann nicht ganz. Ich studiere jetzt ca. 25 Kilometer weit weg von Zuhause an der BiTS. Nach einem Wegweisenden Praktikum beim Heimatradiosender „Radio MK“, wusste ich, Journalistin ist mein Beruf. Nun erlerne ich also an einer kleinen Hochschule, einen Beruf der mich glücklich macht. Ein Praktikum führte mich später schließlich nach Dortmund. Immerhin eine etwas größere Stadt. Für das Auslandssemester bin ich nach England gegangen, da ist sogar Wasser zwischen Heimatland und Wahlnation. Und nun kann ich mir tatsächlich vorstellen für meinen Beruf nach Köln oder Hamburg zu ziehen. Zwar nicht direkt in die Stadt, da steckt das Dorfkind zu tief in mir, aber in die Umgebung.

Es war ein langer Weg, bis ich verstanden habe, was ich will und was ich dafür tun möchte. Durch das G8 haben die Schüler nur noch zwölf Jahre Unterricht bis sie ihr Abitur machen. Das bedeutet, ein Jahr weniger Zeit sich Gedanken zu machen und erwachsen zu werden. Ein Jahr weniger, um sich durch den Dschungel der Berufe zu forsten. Und auch ein Jahr länger arbeiten.

Wenn ich mir jetzt überlege, ich hätte ein Jahr weniger Zeit gehabt, wäre ich vermutlich noch viel verzweifelter gewesen. Für alle, die es schaffen direkt nach dem Abitur mit dem Erlernen des Traumberufes zu starten, Hut ab. Für alle anderen: ihr seid nicht allein! Verzweifelt nicht. Irgendwann werdet auch ihr euren Traumberuf finden.

 

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