Ein Tag ohne Smartphone

Ein Tag ohne Smartphone 2

Smartphonefreie Zone! Zeichnung: Désiree Schneider

Kein Texten, keine Selfies, keine Anrufe? Und das für 24 Stunden? Ich wage den Selbstversuch. Wer mich kennt, weiß: mein Smartphone ist meine Armverlängerung! Es ist immer und überall mit dabei. Mehrere Stunden nicht draufzuschauen, ist für mich fast unmöglich: Ein Typischer Fall von „Smartphone-Suchti“. Nichtsdestotrotz mache auch ich mir Gedanken darüber, was das Smartphone mit uns macht. Deswegen wollte ich wenigstens einen Tag völlig ohne auskommen.

Vorbereitung:

Es ist Donnerstagabend. Morgen ist es soweit. Ich treffe letzte Vorkehrungen, schreibe meinen engsten Freunden über WhatsApp, dass ich am nächsten Tag nicht erreichbar bin. Ich stoße auf Verwirrung und Ungläubigkeit. Als ich ihnen sage, sie können mich auf dem Festnetz erreichen, fragen nicht wenige nach meiner Festnetznummer. Mir fällt auf, dass ich das Festnetztelefon noch nie benutzt habe. Ich selbst schreibe mir die Handynummern der wichtigsten Personen auf einen Zettel. Der nächste Schritt: Ich öffne meine Stundenplan-App und notiere mir, wann und wo ich am nächsten Tag Vorlesungen habe. Ein letztes Mal checke ich Social-Media-Plattformen und schalte dann schweren Herzens mein Smartphone aus. Ich verstaue es in meiner Nachttischschublade. Es ist eine kleine Herausforderung, meinen Wecker zu stellen, weil ich ihn nie zuvor zum Wecken benutzt habe und mich erst einmal mit der Funktionsweise vertraut machen muss. Als das geschafft ist, heißt es Licht aus und Augen zu.

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Schweren Herzens lege ich mein Smartphone in die Nachttischschublade. Foto: Melina Seiler

Morgens:

Mich weckt ein merkwürdiges Geräusch. Eine Weile kann ich es nicht zuordnen. Erst dann verstehe ich: Es ist mein Wecker! Verwirrt drücke ich auf die verschiedenen Tasten, um dann später festzustellen: Ich habe bloß Snooze gedrückt und ihn nicht ausgeschaltet. Ich greife automatisch auf den Tisch neben mir, um mein Handy zu nehmen. Jetzt wird mir richtig bewusst, warum der Wecker geklingelt hat und warum meine Hand ins Leere greift. Also heute keine morgendlichen Grüße via WhatsApp. Unweigerlich frage ich mich, ob mein Freund und meine beste Freundin wohl gut geschlafen haben. Ich knipse das Licht an und stehe alsbald auf, weil mich nichts mehr im Bett hält. Auf meinem Weg ins Bad schalte ich meine Musikanlage an, da mich heute Morgen nicht die Musik auf meinem Handy begleitet. Beim Frühstück blättere ich tatsächlich in der Tageszeitung, weil ich nicht die Facebook-Startseite checken kann.
In der Hochschule:
Auf der Autofahrt zur Hochschule frage ich mich, ob meine Freunde wohl schon losgefahren oder da sind. Dort angekommen krame ich nach meinem Zettel, auf dem ich die Vorlesungsräume notiert habe. Im richtigen Raum angekommen treffe ich endlich auf meine Freunde und fühle mich nicht mehr so isoliert wie den ganzen Morgen. Jetzt erfahre ich auch, wie sie geschlafen haben. Während der Vorlesung möchte ich die Uhrzeit checken. Mir fehlt mein Smartphone. An eine Armbanduhr habe ich nicht gedacht. Erst dann fällt mir auf, dass an der Wand ein Uhr hängt. Überdeutlich bemerke ich, wenn in meiner Umgebung Smartphones benutzt werden. Selten ist es nicht.

In der Pause fahren zwei meiner Freunde essen, andere verbringen ihre freie Zeit auf dem Campus. Meine beste Freundin und ich bleiben in der Hochschule. Als sie die Toilette aufsucht und ich alleine zurückbleibe, ist mir die Abwesenheit meines Handys besonders bewusst. Ich komme mir dabei komisch vor nur rumzusitzen, ohne etwas zu dabei tun. Mit Handy in der Hand wäre das anders. Während ich darüber nachdenke, wird mir bewusst, wie bescheuert das eigentlich ist. Ich schaue mich in meiner Umgebung um und zähle wie viele meiner Kommilitonen ihr Smartphone in der Hand halten. Es ist über die Hälfte.

Am Ende des Raumes kommt eine Freundin herein. Sie hält kein Smartphone in der Hand, lächelt mir zu und winkt. Ich winke zurück. Mit Handy in der Hand hätte ich sie nicht gesehen. Vielleicht ist es doch nicht so schlecht, mal ohne dazustehen bzw. zu sitzen. Als meine beste Freundin wieder bei mir ist und wir die Pause mit quatschen verbringen, vermisse ich mein Smartphone nicht mehr. Auch während der Nachmittagsvorlesungen fehlt mir nichts und es ist eigentlich auch vorteilhaft ohne Handy, denn so kann ich nicht mal in Versuchung geraten, während der Vorlesung draufzusehen.

Abends:
Als ich abends nach Hause komme und mich zum Essen setze, schalte ich das Radio ein. Im Gegensatz zum Frühstück wird mir kein Mangel bewusst. Anschließend lege ich mich mit einem guten Buch aufs Sofa. Eine Weile lese ich, bis mir auffällt, dass meine tolle Planung vom Vortag einen Haken hat. Ich habe vergessen meinen Freitagabend zu planen. Meist mache ich das spontan. Soll ich nun wirklich meine Freude abtelefonieren? Ein unverbindliches „Was geht heute Abend?“ bei WhatsApp wäre mir eigentlich deutlich lieber. Da ich aber keine Lust habe, meinen Abend allein auf dem Sofa zu verbringen, rufe ich ein paar Freunde an. Manche haben keine Zeit oder planen Aktivitäten, auf die ich keine Lust habe.

Dann will ich einen guten Freund anrufen, der in puncto feiern gehen immer top organisiert ist. Mir fällt jedoch auf, dass ich genau seine Nummer nicht notiert habe. In meiner Verzweiflung rufe ich eine Freundin an, mit der ich bereits zuvor gesprochen habe, damit sie mir seine Nummer gibt. Das finde ich viel zu umständlich und komme mir dabei ein bisschen blöd vor. Als ich dann aber seine Nummer habe und mit der entsprechenden Clique verabredet bin, entspanne ich mich wieder. Mir zuliebe haben wir einen genauen Zeit- und Treffpunkt ausgemacht. Glücklicherweise halten sich auch alle daran. Spätestens ab jetzt wäre mein Handy ohnehin in der Handtasche gelandet, denn wenn ich einen Freitagabend mit Freunden verbringe, brauche ich es bestimmt nicht.

Der nächste Tag:

Als ich am Samstagmorgen aufwache, weiß ich sofort: Ich darf mein Smartphone wieder benutzen. Aber so eilig habe ich es damit doch nicht. Es war schon ziemlich entspannend, nicht immer erreichbar sein zu müssen. Und wäre etwas wirklich Wichtiges passiert, hätte ich es wohl auch auf anderem Wege erfahren. Als ich es nach dem Frühstück dann doch einschalte, erwartet mich das Übliche. Ein paar WhatsApp-Nachrichten von Leuten, die nicht Bescheid wussten und ein paar Markierungen bei Facebook. Dass ich die jetzt erst sehe, finde ich nicht so tragisch.

 

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