Wa(h)re Liebe: Das Wagnis der Zweisamkeit

Symbolbild Schloss_ I and you

Das Liebesverständnis hat sich über die Jahre verändert, doch die Ehe ist auch heute wegen ihrer traditionellen Werte noch beliebt. Foto: Pixabay

Was früher noch die verrufenen ‚wilden Ehen‘ und die ‚freien Verhältnisse‘ waren, ist heute eher Norm als Ausnahme und für viele alltäglich: Intimität nach Terminkalender, Freundschaft Plus, feste Partnerschaften mit mehreren Sexualpartnern oder offene Beziehungen mit organisierten Seitensprüngen. Das heutige Liebesleben ist offen und individuell wie die Gesellschaft.

Alle folgenden Daten sowie historische Entwicklungen basieren, wenn nicht anders angegeben, auf dem Dossier der Familienpolitik der Bundeszentrale für politische Bildung.

Die Ehe dient der Fortpflanzung

Die Idee der Liebesheirat selbst etablierte sich erst im 18. Jahrhundert unter dem Einfluss der Romantik. Zuvor war die Ehe oder auch stetige Paarbeziehung meist eine Zweckgemeinschaft, die der essentiellen und finanziellen Absicherung und der Fortpflanzung diente. Diese Vernunftehe bestärkte die Rollen von Mann und Frau. So war der Mann in erster Instanz der Ernährer und Versorger, er ging arbeiten und verdiente das Geld, wohingegen die Frau die Rolle der fürsorgenden Hausfrau und Mutter einnahm. Männern hatten in den meisten Kulturen schon immer die sozial dominantere Position in der Gesellschaft und ihnen wurde das Recht zugestanden, außereheliche Verhältnisse und Liebesbeziehungen zu haben. So akzeptierte die Gesellschaft im antiken Griechenland Liebesbeziehungen unter Männern. In muslimischen Ländern und Teilen von Südafrika ist es bis heute üblich, dass Männer mehrere Liebschaften und Ehefrauen zugleich haben können.

Die katholische Kirche vertritt heute noch die Meinung, dass eine geschlechtliche Beziehung allein der Fortpflanzung dienen sollte und erklärte bereits 1215 die Ehe zum Sakrament. Doch wurden im Mittelalter die sexuellen Bedürfnisse bekanntlich sehr freizügig ausgelebt und der Adel hielt sich Mätressen, dabei spielte Liebe meist keine Rolle. Liebhaberinnen galten als Statussymbol und sie sollten lediglich sexuelle Befriedigung verschaffen.

Die Individualisierung der Partnerwahl

Doch im Zuge der Romantik etablierte sich das Bild der Liebesehe, einem Bund der Ehe, der nicht nur dem Zweck diente, sondern im Himmel geschlossen wurde und über jegliche Willkür hinausgehen sollte. Leidenschaftliche Gefühle wurden erstmals mit der rechtlichen Institution der Ehe verbunden und es wurden neue Ansprüche an sie gestellt. Sie sollte nun nicht nur gesellschaftliche Stabilität und finanzielle Sicherheit bringen, sondern auch das persönliche Glück garantieren.

Im 20. Jahrhundert waren die alten Rollenmuster verstärkt aufgebrochen. In der ersten Welle des Feminismus bis in die 1920er Jahren kämpften Frauen für die gesellschaftliche und politische Gleichberechtigung von Mann und Frau. Sie forderten ein Frauenwahlrecht und politische Mitbestimmung sowie gleichen Lohn für gleiche Arbeit und Zugang zu Bildungsstätten und allen Berufen und Ämtern. Das Frauenwahlrecht und Frauenstudium wurde eingeführt, doch schon bald wieder von dem deutschen Nationalsozialismus (1933-45) eingeschränkt. Frauenorganisationen wurden aufgelöst oder gleichgeschaltet.

Von der Emanzipierung zur partnerschaftlichen Ehe

Nach dem zweiten Weltkrieg lebten Frauen meistens auf sich allein gestellt, Trümmerfrauen bauten Heime und Städte wieder auf und meisterten die schweren Lebensverhältnisse, doch zugleich wurden die traditionellen Geschlechterrollen wieder bestärkt. Frauen waren dazu bestimmt, zu Hause zu bleiben und sich um die Familie zu kümmern. Die zweite Welle des Feminismus, beginnend in den 1960ern, erweiterte die Debatte um Themen wie Verhütung, Abtreibung, Sexualität, Gewalt und Missbrauch.

So ist das erste Frauenhaus Deutschlands in Berlin entstanden und es wurden erstmals öffentlich Beratungsleistungen und Unterstützung für weibliche Opfer sexueller Gewalt angeboten. 1977 wurde das neue Eherecht verabschiedet, durch das die Verpflichtung der Frau zur Haushaltsführung abgeschafft wurde, sowie das Scheidungsrecht reformiert. 1980 folgte das Gesetz zur Gleichbehandlung von Frauen und Männern am Arbeitsplatz. Frauen wurden emanzipierter und vor allem selbstbestimmter.

In den 1980er Jahren bildete sich das Eheverständnis als partnerschaftliche Ehe aus. Mann und Frau hatten nun auch in der Ehe deutlich voneinander getrennte, eigenständige Persönlichkeiten. Früher war die Ehe da, um eine Familie zu gründen, eine ökonomische Notwendigkeit und moralische Verpflichtung und das Paar selbst rückte somit in den Hintergrund. Heute tritt es als eigene soziale Einheit auf, wobei das Individuum immer mehr hervortritt. Ehen haben nicht mehr die reine Absicht einer Familiengründung. Kinderlose Ehen gehören zum selbstverständlichen Erscheinungsbild unserer heutigen Ehelandschaft. Alles wird individueller.

Was nicht zwangsläufig bedeutet, dass Partnerschaften und Ehen, sofern sie geschlossen werden, immer instabiler werden. Laut dem statistischen Bundesamt ist die Zahl der deutschen Eheschließungen tendenziell steigend und die der Scheidungen nimmt seit 2010 kontinuierlich ab.

Im Jahr 2016 betrug die deutsche Scheidungsquote rund 40,22 Prozent. Dafür heiraten die Deutschen immer später und lassen sich auch noch im hohen Alter scheiden, eine Folge der Individualisierung und der fluiden Geschlechterrollen sowie der zunehmend nicht mehr patriarchalen Struktur des Eheverhältnisses.

Viele Menschen brauchen angesichts der vielen Möglichkeiten, unsere Identitäten individuell auszuleben, immer mehr Zeit, sich in einer Partnerschaft oder gar der Ehe zurechtzufinden. So wird Deutschland immer älter im Führen von Beziehungen: Denn die Deutschen lassen sich beim Heiraten immer mehr Zeit. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes liegt das durchschnittliche Heiratsalter der Männer bei ungefähr 33,8 Jahren und das der Frauen bei 31,2 Jahren. Eine Ehe hält in Deutschland durchschnittlich 14,8 Jahre.

Ehe und Lebenspartnerschaft

Die Ehe hat heute immer noch einen hohen symbolischen Wert. Sie soll eine Gefährtenschaft sein, eine auf Dauer angelegte Beziehung zwischen zwei ebenbürtigen Partnern, basierend auf Respekt und Vertrauen. Und sie gewinnt nach wie vor an Popularität, da die Anforderungen und persönlicher Leistungsdruck in außerfamiliären Bereichen weiterhin steigen und Menschen wenigstens im privaten Bereich Sicherheit suchen. So ist Deutschland der weltweit 24. Staat, der seit letztem Jahr gleichgeschlechtliche Ehen gesetzlich erlaubt hat.

Vorher konnten sie nur in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft leben. Diese ähnelte in ihren gesetzlichen Pflichten und Rechten der Ehe mit der Ausnahme, dass Paare in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft nicht leibliche Kinder adoptieren dürfen und keinen verfassungsrechtlichen Schutz genießen.

Schwere Zeiten für Romantiker: Die Liebe wird immer mehr zur persönlichen Verhandlungssache

Der Spagat zwischen der geliebten Freiheit und dauerhafter Verpflichtung gegenüber einem Partner, führt in eine Zwickmühle. Menschen wollen sich lieben, ihre Freiheit genießen, sich nicht binden und doch sicher und geborgen fühlen. Zumeist endet dieser Zwiespalt in hemmungslosem Partnerwechsel, wie vor allem das Internet mit seiner derzeitigen Fülle an Artikeln über Halbbeziehungen und offene Beziehungen suggeriert. Dabei hat gerade das Internet und seine Angebote unsere Partnersuche und unser Verständnis verändert, weil sich unsere Kommunikationswege verändert haben. Das Internet habe die Partnersuche revolutioniert, schrieb die ARD bereits 2013 zu dem Film „Liebesfalle Internet“. Online-Partnervermittlungsbörsen, Dating-Apps und Nischenangebote erleichtern die Kontaktaufnahme zu anderen Menschen mit gleichen Interessen.

Aber Dating-Apps gelten vielen als Sexsuchmaschine, als Kontaktbörsen für schnelle Abenteuer und sind dafür ausgelegt, jemanden oberflächlich kennenzulernen. Ein Bild, wisch und weg. Man hat viel schneller ein Arrangement für eine Nacht ausgehandelt als jemanden kennengelernt. Offene Beziehungen entstehen, Freundschaft Plus oder Freunde mit gewissen Vorzügen als auch polyamore Beziehungen zwischen mehreren Partnern. Doch nicht jeder kann mit diesen Formen von Beziehung umgehen. Viele Menschen wollen es können, doch es macht sie innerlich kaputt.

Die magischen drei Worte: Ich liebe dich

Egal, welche Form der Liebe man für sich wählt und für die Beste erachtet und wie man diese auslebt – mit traditionellen Werten, offen, in einer Ehe, einer Lebenspartnerschaft oder gänzlich unverbunden – die Beziehung zur anderen Person ist eine ganz besondere. Es gibt viele wichtige Momente in einer Beziehung zwischen zwei Liebenden: die erste Begegnung, der erste Kuss, das erste Mal Sex und der vielleicht dramatischste Punkt, das erste Mal „Ich liebe dich“ sagen. Mit diesen drei Worten drücken wir den Wert und die Wichtigkeit der Person für uns aus, an die wir sie richten.

Wir respektieren sie und verbinden mit ihr Schutz und Geborgenheit, das, was wir im Alltag suchen. Diese Worte und Taten, unser Umgang mit unserem Partner, das gegenseitige Vertrauen und die Verlässlichkeit sind viel wichtiger als jegliche Form ihrer institutionellen oder gesetzlichen Manifestierung. Diese drei Worte müssen nonverbal gelebt werden und erfordern keine automatische Antwort. Wenn sie ehrlich gemeint sind, müssen sie keinerlei Besitzansprüche hegen.

Die Ehe ist nur eine Form der Liebe

Für jeden hat „Liebe“ eine andere Bedeutung. Manche unterscheiden auch nicht zwischen verliebt sein oder lieben, für sie ist das eine Evolution des Gefühls.
Somit ist es lächerlich, sich wegen der genauen Formulierung der Zuneigungsbekundung den Kopf zu zerbrechen und daran zu zweifeln oder sie für unglaubwürdig zu halten, wenn man nicht geklärt hat, was der Gegenüber darunter versteht. Man kann nicht davon ausgehen, dass er oder sie es so definiert, wie man selbst. Die Ehe ist nur eine Form der Liebe, ein Ausdruck, um einer Beziehung Nachdruck zu verleihen.

Obwohl in Großstädten die Singlehaushalte dominieren und immer mehr Kinder außerehelich geboren werden (Quelle: Statistisches Bundesamt, Stand: 2015), hat die Ehe nach wie vor einen hohen Stellenwert und zählt zu den Glückserwartungen des Menschen. So wie die Gesellschaft sich ändert, werden sich auch die Formen und das Verständnis von Liebe ändern. Doch schon lange gehört die Liebe zu den größten und wichtigsten Dingen, die wir mit unseren Leben haben können. Laut dem Institut für Demoskopie Allensbach glauben zwei Drittel aller Deutschen weiterhin an die „Liebe fürs Leben“(Stand: 2011). Entsprechend viel können wir verlieren, wenn wir uns darauf einlassen. Müssen wir also verrückt sein, wenn wir uns an jemanden binden, der jederzeit gehen kann? Oder kann jemand, der nie wagt, nicht gewinnen?

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