So findet sich ein Blinder in der Stadt zurecht

Eine Reportage.

Blinder, Thomas Brendel

Ein rauer und unebener Boden gibt Blinden wichtige Informationen zur Orientierung. Foto: Désiree Schneider

Wetzlar. Vom Busbahnhof über die Alte Lahnbrücke bis in die Altstadt: Der Leiter des Wetzlarer Dunkelkaufhauses Thomas Brendel zeigt, wie er sich in Wetzlar zurechtfindet. Eine Stadtführung von einem Blinden für eine Sehende.

Mit seinem Stock ertastet er sich den Weg auf dem Platz des Busbahnhofs, immer den weißen Bodenplatten entlang. Sie verlaufen über den gesamten Busbahnhof, über die Bahnsteige und einmal um das Einkaufszentrum herum. Was Sehende nur als Zierde oder Warnlinie wahrnehmen, damit sie beispielsweise bei einfahrenden Zügen den Sicherheitsabstand zu den Gleisen wahren, ist in Wirklichkeit ein taktiles Leitsystem für Blinde und Sehbehinderte.

Die Rillen geben die Laufrichtung an und Noppen, wo Vorsicht geboten ist. Denn sie sollen auch vor Gefahren, in diesem Fall vor den Gleisen, warnen.

Für Thomas Brendel ist das Alltag. Er ist von Geburt an blind und auf das Leitsystem angewiesen. Seitdem er 2008 nach Wetzlar gekommen ist, hat er schon so einige Missstände erlebt: „Die Anzeigetafel am ZOB steht auf zwei Beinen. Aber dazwischen ist man mit dem Stock auf keinen Widerstand gestoßen und dachte man könnte weitergehen, bis man mit dem Kopf gegen die Tafel gelaufen ist.“ Er selbst hat sich auch schon den Kopf gestoßen – bis Ende 2013 endlich die Füße mit einem Metall zusammengeschweißt wurden und nun ein Widerstand ertastbar ist.

60 bis 80 Prozent der im Gehirn verarbeiteten Eindrücke kommen von den Augen

Vom Bahnhofsplatz geht es zum Markt in die Bahnhofsstraße. Im Einkaufszentrum, dem Forum, kann sich Brendel selbst überhaupt nicht zurechtfinden. Die Bodenfliesen sind glatt und geben keinen Anhaltspunkt zur Orientierung. Auch die relativ kurze und gerade Strecke zwischen den sich gegenüberliegenden Eingängen in Richtung der Bahnhofsstraße und dem Busbahnhof ist eine Herausforderung. Sobald der er das Forum betritt, driftet er nach links ab und eckt an die Bänke und den Sitzbereich eines Bäckers. „Ein Blinder kann nicht geradeaus laufen. Also müssen wir einmal um das Forum herumlaufen“, erklärt der Leiter des Dunkelkaufhauses.

Zum Übergang in die Bahnhofsstraße endet das Blindenleitsystem am Boden. Als der 51-Jährige die Straße hört, wird er langsamer und wartet bis die Ampel piept. Dann erst läuft er los. Auf der Insel in der Straßenmitte angekommen, beschwert er sich, „die zweite Ampel hört man nicht, sie ist viel zu leise.“ Die Lautstärke soll sich dem Verkehrslärm anpassen – eigentlich. So muss er sich an dem Geräusch der anderen Fußgänger orientieren, die die Straße überqueren.

Leitsystem für Blinde

Die weißen Linien mit Rillen und Noppen sind Teil eines taktilen Leitsystems für Blinde und Sehebehinderte, wie hier in Koblenz. Foto: Wikimedia Commons

Die Bahnhofsstraße ist gut besucht, es ist Wochenmarkt. Die meisten Fußgänger weichen Brendel aus, da sie ihn an seinem Stock als Blinden erkennen. Für ihn ist der Stock eine Orientierung, für andere eine Warnung. Kinder schauen ihn groß an. Immer wieder bleibt er mit seinem Stock an einem Stand oder einer Werbetafel hängen. Doch das ist Brendel egal, seine Devise: Man muss es einfach tun. „Wer nicht wo gegen läuft, weiß auch nicht, dass da was ist.“ Außerdem sehe er die Menschen ja nicht. Als er ein Fahrrad hört, horcht er auf: „Gut, jetzt bin ich wieder in der Straßenmitte. Fahrradfahrer fahren meistens dort, wo Platz ist.“

Viele fragen sich: „Wie gehe ich mit einem blinden Menschen um? Muss ich besonders Rücksicht nehmen?“ Brendel ist nicht schüchtern und fragt um Hilfe, wenn er einen Eingang oder den richtigen Weg sucht. Er möchte nicht bevormundet werden. Falsche Rücksichtnahme lehnt er ab. „Ich komme in Wetzlar gut zurecht. Wenn ich Unterstützung brauche, frage ich einfach.“ Nur da viele momentan kein Deutsch verstehen, müsse er manchmal einen mehr fragen als früher.

Der Duft nach frischem Brot – und man weiß, eine Bäckerei ist in der Nähe

Inzwischen ist er beim Karl-Kellner-Ring angelangt und läuft auf dem Radweg, unbewusst. „Woher will man als Blinder wissen, ob man auf dem Gehweg oder dem Fahrradweg läuft? Der Fahrradweg ist sogar besser, da es dort keine Bäume oder Bänke gibt.“ Wann er zur Alten Lahnbrücke abbiegen muss, erkennt der Blinde am Wasserrauschen und „trotzdem laufe ich regelmäßig vorbei. Erst wenn der Boden ansteigt, weiß ich, dass ich richtig bin“.

Auf einmal bleibt er stehen und sagt: „Hier ist der Eisenmarkt“. Das hat Brendel an dem Ton erkannt. „Man hört in einer Straße, dass der Schall nur in zwei Richtungen weg kann, auf einem Platz klingt alles weicher.“ Er kreiert sich sein eigenes Bild von der Außenwelt, anhand von dem, was er selbst erlebt und andere ihm erzählen. Dementsprechend kennt er Wetzlars Wahrzeichen als abstraktes Gebilde. Die Eingangstür des Doms würde er wahrscheinlich nicht alleine finden, da der Platz zu groß ist und das Gemäuer zu unebenmäßig, als dass man sich daran entlang tasten könnte.

Blinder Thomas Brendel mit Blindenstock

Mit dem Blindenstock ertastet sich Thomas Brendel seinen Weg und wenn er ihn nicht benötigt, kann er ihn zusammenfalten und wegstecken. Foto: Désiree Schneider

So beschreibt er den Dom: „Das erste Mal dachte ich, er wäre sehr groß, da ich darin sehr viel Hall erlebt habe. Doch bei jeder Führung entdecke ich wieder etwas Neues. Nachdem ich im Glockenstübchen war, weiß ich, dass er gar nicht so gigantisch ist. Durch die Stufen habe ich ein Gefühl für die Höhe bekommen.“ Brendel macht sich sein ganz eigenes Bild von Wetzlar und weiß vielleicht sogar mehr über die Stadt, als so manch Sehender.

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