In der Welt zu Hause

Ein Portrait.

Tim Matthews-Canyoning, Wasserfall

Tim Matthews beim Canyoning in Australien. Foto: privat

Australien. Er war schon in Marokko, Neuseeland, Kambodscha, Australien und vielen anderen Ländern. Ein Weltenbummler, der dort arbeitet, wo er gerade lebt. Doch wie lebt es sich, wenn man immer unterwegs ist?

Er hebt ein Stück Feuerwerkskörper mit der Müllzange auf und steckt es in einen Leinensack. Seine braunen Locken sind leicht verschwitzt, die Mittagssonne steht im Zenit. Tim Matthews, 30 Jahre jung, ist Teil einer kleinen Gruppe der Conservation Volunteers Australia. Zusammen reinigen sie im Rahmen eines Naturschutzprojektes den Strand, bevor die Flut kommt und die zurückgelassenen Überreste ins offene Meer hinausspült. Der Casuarina Beach ist schier endlos lang, eingegrenzt von den Ausläufern des indischen Ozeans, des australischen Graslands und der Palmenflora.

Überall liegen vereinzelt die Überreste einer Feierlichkeit der Einheimischen, welche sie zurückgelassen haben. Die Arbeit ist anstrengend. Doch Tim lächelt, man kann ihm die Freude an seinem Lächeln ablesen. Interessiert erkundigt er sich bei den anderen Volunteers nach ihrer Herkunft, ihren Motivationen. Keiner kennt sich, sie alle arbeiten zum ersten Mal zusammen, Hand in Hand. Der Müll wird sortiert, abgewogen und katalogisiert.

Auf dem Weg zur Arbeit

Später auf dem Rückweg in einem Kleinraumtransporter sitzen alle wie Sardinen in der Dose auf der Rückbank. Immer an Tims Seite: seine Kamera. Sein Hobby.  Bilder halten Momente fest, doch Erinnerungen erzählen eine Geschichte, erklärt er mir. Es ist eine lange Fahrt. Die Rede ist über das Reisen, wer welche Teile der Welt gesehen hat.

Tim hat das Wort: „ Bisher habe ich die Kanaren, Azoren, Marokko (er schmunzelt), Spanien, Portugal, Frankreich, Italien, Österreich, Deutschland, die Niederlanden, Neuseeland“ –kurzes Zögern- „Vietnam, Kambodscha und Thailand durchreist. Nun bin ich hier, in Australien.“ Allgemeines Staunen. Er grinst nur verschmitzt, etwas großspurig mit einem schiefen Lächeln. Er reist schon seit vier Jahren um die Welt.

Im Juli 2015 hat Tim Matthews sich der Conservation Volunteer Gruppe angeschlossen, er arbeitet freiwillig in diversen Programmen wie den Fang von Aga-Kröten, monatliche Vogelbeobachtung und die Aufbesserung gemeinschaftlicher Gärten. Er ist aber auch auf Jobsuche.

Sein Geld verdient er, indem er sich in jedem Land, welches er gerade bereist, eine oder verschiedene passende Arbeiten sucht. Er würde sich selbst als „arbeitender Reisender“ bezeichnen. Dies sei auch die beste Möglichkeit Menschen und Kulturen hautnah zu erleben und kennenzulernen.

Das Problem mit dem Visum

Momentan ist er auf einer Mangofarm beschäftigt. Es sind unzumutbare Arbeitsbedingungen und –zeiten, doch ist er auf diese Stelle angewiesen. Sie ermöglicht ihm eine Visumsverlängerung für ein zweites Jahr zu erhalten. Normale Work und Holiday Visa sind von der australischen Regierung auf ein Jahr begrenzt. Zuvor war er Bademeister eines aufblasbaren Spielgerüstes im Hafengebiet und zwischenzeitlich Barkeeper. Die Vielseitigkeit der kleinsten Landeshauptstadt Australiens im Northern Territory fasziniert ihn.

Eben diese Vielseitigkeit hat ihm schon die verschiedensten Kompetenzen eingebracht, erzählt er. Den Job als Barkeeper hat er wegen seiner Offenheit und Kontaktfreudigkeit erhalten und als Bademeister kann er sich durch seine Rettungsschwimmerausbildung qualifizieren. Zwei Kilometer in einer knappen halben Stunde. Kraulschwimmen. Obwohl dieser Rekord schon längst wieder überholt sein mag. Schwimmen ist seine Leidenschaft und die Affinität zum Meer groß und tief. Wracktauchen ist ein weiteres seiner Hobbies und Leidenschaften.

Bereits als Jugendlicher war er ein guter Schwimmer und nahm an Schwimmwettkämpfen auf nationaler Ebene teil. Tim gesteht, dass er, untypisch für jeden Briten, das Mountainbiking dem Nationalsport Fußball vorzieht. Es habe ihm immer die Begeisterung dafür gefehlt. Doch „bin ich schon immer anders gewesen, schon immer eigen.“  So entscheidet er sich auch, nach einem abgeschlossenen Informatik und Tourismusstudium und einem fünfjährigen Job in einem großen britischen Telekommunikationsunternehmen, eine Weltreise anzutreten.

Die blauen Augen funkeln. Reisen ist mehr als nur eine Leidenschaft: „Ich reise, weil ich es liebe.“ Kein Blick in die Vergangenheit, er scheint nicht zurückzuschauen. Ein Mensch lebt nur einmal, doch nicht nur für sich selbst. Tim lebt für seinen Traum zu reisen und seine Lebensphilosophie: „Glücklich zu sein und anderen dabei zu verhelfen dies zu sein.“

Weltreisender Tim Matthews auf Snowboard in Lederhose

Echt deutsch: Brite beim Snowboardfahren in Lederhose. Foto: privat

Dies äußert er durch kleine Taten und Aufmerksamkeiten. Ein Festival, viele Menschen. Eine Menschenmasse zentriert sich um die Hauptattraktion, einen Feuerspucker. Eine kurze Handbewegung und ein Schritt beiseite genügen, um drei kleinen Kindern und ihrer Mutter einen Platz in der vordersten Reihe zu beschaffen. Sie konnten hinter dem 187 cm großen Mr. Matthews nichts erkennen.

Das Reisen und der unstetige Lebensstil fordern nicht nur Anpassung sondern bringen auch viele Herausforderungen mit sich. Tim nimmt Herausforderungen gerne an, doch diese hier ist von einer unangenehmeren Art und wohl eine seiner Größten gewesen: Stolperstein Visum

„Meiner größten Herausforderung bin ich in Neuseeland entgegengetreten, als ich in einem einmonatigen Visa Limbo hängen geblieben bin und ich nur sehr wenig Geld zur Verfügung hatte. Und wegen des Visa Problems konnte ich auch nicht arbeiten gehen, glücklicherweise hat mir die Großzügigkeit und Gutherzigkeit der Gemeinschaft, bei der ich zu dem Zeitpunkt gelebt habe, tatkräftig geholfen. Doch genau so lernt man Freunde fürs Leben kennen, gerade wenn man wegen der Arbeit länger an einen Ort gebunden ist.“

Feste Freundschaften sind besonders wichtig

Dennoch bereut er es manchmal, eben mit solchen Leuten nicht mehr Zeit verbringen zu können oder nicht länger an besonderen Orten verweilen zu können, die einer näheren Betrachtung wert gewesen wären. Reisen kann auch einsam machen.

Für ihn gewinnen besonders Freunde mehr an Bedeutung, je länger er reist und je mehr er erlebt. Die Familie ist und bleibt ihm sehr wichtig, sie haben eine gute Beziehung zueinander, sagt er, auch wenn man sich mit der Zeit entfremdet. Sein Blick wird nicht melancholisch, wenn er über seine Familie spricht. Im Gegenteil, er denkt gerne an seine Familie und seine Heimatstadt Frome, Somerset,  im Südwesten Englands, in der er am 1985 geboren und aufgewachsen ist. Er selbst ist der mittlere Spross der Familie bestehend aus noch einem älteren Bruder und zwei jüngeren Zwillingsschwestern. Seine Familie sieht er im „Urlaub“ oder auf gelegentlichen Familienfeiern wie der Hochzeit seiner jüngeren Schwester.

In einem ist Tim  sich sicher, auch wenn er sich vorstellen könnte etwas anderes zu machen, wollte er seinen Lebensstil momentan nicht ändern. Das einzige, was er misst, ist eine Person an seiner Seite zu haben, mit der er seine Erlebnisse teilen kann. Einen Mitreisenden.

Die wohl teilenswerten Erlebnisse sind auch seine persönlichen Favoriten. Dazu gehören: das Füttern wilder Krokodile in Australien, eine Regenwaldwanderung in Mitten eines wütenden Sturms in Neuseeland sowie Nacktsurfen in Marokko. Und ganz stilgetreu ist er in Deutschland schon in Lederhose Snowboard gefahren.

Für Tim Matthews ist die Welt ein großer Spielplatz und seine Reise noch lange nicht zu Ende. Seine nächsten Ziele sind Kanada zum Snowboarden und Hawaii, wo er auch seine Familie wieder sehen wird. Auf der anderen Seite ist die Welt auch nur so groß wie weit man seine Kontakte streut und sich selbst vernetzt.

Er verabschiedet sich mit einem Goodbye und was ich von ihm gelernt habe: Ein Goodbye kann ein Versprechen auf ein Wiedersehen sein, besonders wenn es mit einem „See you soon“ in Verbindung steht.

 

Update: Inzwischen ist Tim in Austalien eine neue Heimat gefunden und studiert dort Meeresbiologie.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s