Und plötzlich ist es dunkel (mit Wein)

Ein Erfahrungsbericht.

Grafik Weinverkostung im Dunklen mit Wein Emoji

Eine elementare Fragestellung für die Teilnehmer einer Dunkelführung. Foto: Désiree Schneider

Wetzlar. „Wir wollen niemandem vermitteln, wie es ist, blind zu sein. Das kann man nicht. Doch möchte ich einem zeigen, wie es ist, die Welt mit seinen anderen Sinnen wahrzunehmen.“ Denn der Mensch nimmt 80 bis 90 Prozent aller Informationen über seine Umwelt mit den Augen auf. Was passiert, wenn dieser Sinn auf einmal wegfällt? Eine Führung im Dunkelkaufhaus Wetzlar.

Es ist dunkel. Ich sehe schwarz. Aber ist das überhaupt schwarz? Was ist schwarz, wenn es keine Lichtquelle gibt, die andere Farben bestimmt? Wenn es kein Licht gibt, das absorbiert werden kann? Augen geschlossen, Augen offen – es macht keinen Unterschied. „Und jetzt laufen Sie bis an die Ecke, dann stellen Sie sich mit dem Gesicht zu meiner Stimme gewandt hin.“ Thomas Brendels Stimme ist ein Anker in der Dunkelheit, ohne die ich wahrscheinlich die Orientierung verloren hätte. Langsam taste ich mich mit dem linken Arm an der Wand weiter voran bis ich mit der Stirn gegen eine Wand knalle. Ecke erreicht. Das war wohl ein Schritt zu viel gewesen. Hinter mir laufen Menschen auf und merken, dass ich stehen geblieben bin, als sie gegen mich laufen. Wir alle bewegen uns in Zeitlupe und sehr vorsichtig.

Für Brendel, den Leiter des Dunkelkaufhauses in Wetzlar sollte es ein lustiges Szenario sein. Er ist von Geburt an blind, ihm macht die Dunkelheit dementsprechend wenig aus. Er ist in seinem Element und nimmt viel mehr wahr als wir Sehende, die in den ersten Momenten der allgegenwärtigen Dunkelheit aufgeschmissen sind.

Nach ein paar Minuten gewöhne ich mich an die Dunkelheit

Sie hat nichts Bedrängendes oder Bedrohliches, sie ist einfach nur da und wird zum Hauptbestandteil unseres Abends, das ist, was uns alle verbindet. Wir sind uns alle fremd und die Dunkelheit ist uns allen fremd. Aber durch Brendels souveräne und authentische Art fühlt man sich geborgen und sicher, er weiß, wo es langgeht. So führt er uns durch das Erdgeschoss des früheren Union-Kaufhauses. Das Kaufhaus selbst dient nur als Räumlichkeit für das Nichtseherlebnis und verleiht der Attraktion seinen Namen.

Er gibt uns ein Stück Stoff in die Hand. „Und, was ist das? Jeder darf einmal raten und wer es falsch rät, muss singen. Bruder Jakob klingt doch nett, oder?“ Das ist ein Ansporn. Der Stoff ist rau und ausgefranst, er hat einen Knubbel an einem Ende. Tischläufer. Kissen. Handtuch. Handtuch. Teppich. Geschirrtuch. Putzlumpe. Handtuch. Also ein Handtuch oder doch eher ein Schal? Wir dürfen alle singen, zuerst im Chor, dann im Kanon.

Später ertasten wir noch Buchstaben an der Wand und verschiedene Alltagsgegenstände, die Berufe darstellen und müssen sie entziffern. Wow, das ist ganz schön anstrengend. So eine Bürste im Dunkeln zu erkennen ist schwer, da ist die Tastatur noch am leichtesten.

Zum krönenden Abschluss gibt es eine Weinverkostung

Ein wahres Geschmackerlebnis, wenn man nicht weiß, was man vorgetischt bekommt – und lecker. So eine Bar in vollkommener Dunkelheit hat ihren ganz eigenen Charme und man ist zur Abwechslung einmal froh, dass man auf einem Barhocker sitzt und nicht gegen eine Wand laufen kann. Das Trinken klappt sogar ziemlich gut. Der Wein wird von Brendel und einem Sehenden – in diesem Fall auch Nichtsehenden – Weinhändler Michael Müller eingeschänkt. Er erzählt vom Ursprung und der Herkunft der verschiedenen Weine. Natürlich erst, nachdem wir sie probiert und eine Einschätzung abgegeben haben.

Alle Teilnehmer der Führung haben sich zuvor im hellen Foyer gesehen und kaum ein Wort miteinander gewechselt. Nun tauschen sich alle aus über den Wein, die Erfahrung und Persönliches. Raum und Zeit sind längst vergessen. Die Bilanz: Keine Weinflecken, nur ein verschüttetes Wasser und überstrapazierte Lachmuskeln.

Als wir nach der Führung wieder ins Licht treten, erkenne ich die Menschen eher an ihren Stimmen als an ihrem Gesicht. Doch nun, da ich ihnen auch ein Gesicht zuordnen kann, sprechen wir noch eine ganze Weile weiter. Viele sind von weit her angereist. „Ich konnte mir nichts darunter vorstellen und hätte nie gedacht, dass es so gut wird“, fasst eine Frau aus Düsseldorf ihr Erlebnis zusammen. „Schatz, wollen wir die Schoko- oder Käseführung auch noch machen?“ Sie und ihr Mann haben die Weinverkostung im Dunklen zur Hochzeit geschenkt bekommen. Ein gelungener Abend, der mit gezeigt hat, wie wenig ich meine anderen Sinne nutze und zu schätzen weiß: Tasten, Riechen, Hören, Schmecken.

Abschließend gehen fast alle noch einmal freiwillig alleine durch das Kaufhaus – immer an der linken Wand entlang.

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