Social Media: der Maskenball

Ein Kommentar.

Symbombild bunt Social Media, Facebook

Die Profile der sozialen Netzwerke sind die Gesichter der Moderne. Foto: Pixabay

Du weißt, wo ich die letzten Jahre im Urlaub war, was ich getan habe. Dir gefällt meine neue Haarfarbe von den Posts meiner Freunde. Du kennst meine Freizeitaktivitäten und weißt sogar, mit wem ich befreundet bin. Wieso also noch treffen? Du kennst mich doch. Zumindest das, was du wissen sollst. Es steht alles online – das bin ich. Mein zweites Ich. Meine Persona.

Du bist was ganz Besonderes. Mein Profil ist zwar für jeden zugänglich, aber manche Informationen sind nur exklusiv für meine Freunde wie dich sichtbar, deswegen kannst du mich auch anschreiben. Das kann nicht jeder. Nun darfst du dich besonders fühlen. Facebook zeigt mir an, dass wir befreundet sind, sogar seit wann und auf Instagram folgst du mir auch. Wenn du mich anschreibst, schreibe ich dir zurück, sobald ich dein Profil gecheckt habe und mir fein säuberlich eine Antwort zurechtgelegt habe. Meine Worte sollen ja zu meinem Image passen. Und wenn wir dann etwas geschrieben haben und ich dich besser kenne und dich mag, enden meine Nachrichten mit einem roten Herzchen. Denn du bist etwas Besonderes. 

Achso, bin ich das?

Persona: Die zweite Identität

Social Media ermöglicht es uns, unsere Identität zu mobilisieren und selbst zu bestimmen, wie der Rest der Welt uns sehen soll. Durch die Auswahl unserer Bilder und den Inhalten, die wir hochladen, bearbeiten und von uns Preis geben, schaffen wir unsere eigene kleine Erlebniswelt. Unsere Onlinepräsenz erzählt anderen eine Geschichte darüber, wer wir sind oder zumindest vorgeben zu sein. Je emotionaler, ausgefallener und inspirierender die Bilder, Videos und Beiträge sind, desto authentischer wirken wir.

Wir kreieren uns eine Persona, eine zweite Identität wie sie eigentlich Schauspieler nutzen, wenn sie in ihre Bühnenrollen schlüpfen. Das griechische Theater benutzte Masken, um Charakteristiken und übertriebene Emotionen auszudrücken, die die Zuschauerschaft bewegen sollte. Sie ermöglichten es dem Schauspieler, in mehrere Rollen zu schlüpfen, ohne wiedererkannt zu werden. Diese Masken sind mit unserem heutigen Selfie vergleichbar, sie zeigt nur, was die Adressaten sehen sollen.

Das „I“ und das „Me“

Doch was sagt dir ein Profilfoto schon über eine Person aus? Eigentlich gar nichts, denn es ist nur ein Foto! Dennoch verbringen viele Menschen viel Zeit damit, ein richtiges, möglichst authentisches Profilfoto von sich zu machen, sogar mit der klaren Absicht zur Verwendung als solches. Es verhält sich ähnlich wie bei dem Branding eines Produktes, es mag keinen allzu akkuraten Gesamteindruck von dem Profilbildbesitzer schaffen, aber es zeigt einige der Werte und auch Überzeugungen, die der Profilbesitzer nach Außen vermitteln möchte, für die er stehen möchte.

Der Soziologe Erving Goffman argumentiert, dass das eigene Selbst ein soziales Produkt sei. Demnach seien unsere Persönlichkeiten ein Resultat unserer Interaktionen mit anderen Menschen. Verschiedene Interkationen entwickelten verschiedene Teile unseres Selbst. Und ebenso präsentierten verschiedenen Menschen in unterschiedlichen Situationen einen jeweils anderen Teil von sich selbst, doch nie das Ganze.

Ergo, wir tragen Masken. Dein Selbst, dein „I“, ist für den Bühnenauftritt, so wie du mit den Menschen interagierst, egal ob online oder in der realen Welt. Das „Me“ ist dein Backstage Selbst, dass nur du selbst oder deine Engsten kennen.

Unser Leben durch die Augen anderer

Wir haben anders als im wahren Leben die Kontrolle über unsere Selbstdarstellung. Wir können Bilder und Videos so gestalten und nacharbeiten, dass das Ergebnis ein idealisiertes Abbild ist, aber keine Realität.

Deswegen teilen wir nur die guten und positiven Aspekte unseres Lebens: Eine gute Nacht aus mit Freunden, eine erfolgreiche Klausur, ein erreichtes Ziel. Die Freiheit und Selbstbestimmtheit unsere eigenen Inhalte zu bestimmen, ermöglicht es uns, schlechte Erfahrung auszublenden. Demnach ist ein Profil ein perfekt inszeniertes Tagebuch, gefiltert und angetrieben von dem Wunsch nach möglichst vielen Likes und Reaktionen. Wir sind viel zu sehr darauf fokussiert, uns durch die Augen anderer zu sehen.

Als Kim Kardashians Cellulite Bilder durch die Medien gingen und die Welt erschüttert war, wie sehr sie ihre Bilder doch photoshoppte und retuschierte, wurden ganze Normvorstellungen über den Haufen geworfen.

Handy fotografiert Eis_Social Media

Momente werden nicht mehr gelebt, sondern geteilt. Foto: Privat

Wir lernen durch positive Reaktionen und Rückmeldungen, was unsere Freunde und Follower sehen wollen. Wir leben für andere, leben ihnen etwas vor und somit auch uns selbst. Dabei sterben immer wieder Menschen im Wettbewerb um das spektakulärste Bild. Sie fallen von Hochhäusern, bauen einen Verkehrsunfall oder werden auf der Autobahn umgefahren, weil sie ein Selfie mit einem touristischen Hinweisschild für den Grenzübergang der ehemals innerdeutschen Grenze machen wollen. Laut einer Studie der Cornell University in New York sind weltweit 127 Menschen zwischen März 2014 und September 2016 beim Erstellen von Selfies umgekommen! Auch die britische Internet-Zeitung The Independent berichtet über die Selfietoten.

Off the line, wenn Online das wahre Leben wird

Der Grat zwischen Inszenierung und dem wahren Selbst ist schmal. CNN gibt an, dass im Mai 2017 83 Millionen Fakeprofile auf Facebook waren. Dabei handelt es sich um Duplikate, Profile für Kinder und Haustiere, Zweitprofile, Social Bots, aber auch bewusst falsch kreierte Accounts. Das entspricht 8,7 Prozent von den 955 Millionen monatlich aktiven Nutzern.

Alle Angehörigen der Generation Y werden spätestens nächstes Jahr volljährig. Es liegt also in unser aller Eigenverantwortung als Erwachsene und auch Eigeninteresse, unsere Sicherheit als wichtiger einzuschätzen und nicht Unmassen an Inhalten zu teilen und Menschen etwas vorzugaukeln – am wenigstens uns selbst. Social Media ersetzt nicht unser wahres Leben, besonders wenn wir teilweise nicht mal wissen, mit wem wir es zu tun haben, mit wem wir kommunizieren.

Ich habe neulich erst mit einer Freundin zu Abend gegessen. Wir hatten länger nichts mehr unternommen, ich war im Auslandssemester, sie mit ihrem Studium und Klausuren beschäftigt. Wir saßen entspannt draußen auf ihrem Balkon, während die Spaghetti kochten und hatten uns viel zu erzählen und wollten die Zeit genießen. Eigentlich. Doch ihr gelang es nicht so richtig. Sie war viel zu sehr mit ihrem Smartphone beschäftigt. Fotografierte die Gänseblümchen und den Sonnenuntergang. Und musste die Eindrücke und Momente gleich online posten. Instagram. Facebook. Snapchat. Und dann noch die WhatsApp-Story.

Es gibt kein Abbild ohne Realität  

Doch die Sucht nach Anerkennung und Feedback und Bewunderung aus den sozialen Netzwerken war gerade wichtiger. Sie wollte die Eindrücke teilen, doch hat dabei leider vergessen, den Moment selbst zu leben. Erst als ich vorgeschlagen habe, die Geräte außer Reichweite zu legen, konnten wir in Ruhe sprechen und es wurde doch noch ein schöner Abend.

Ich verstehe, dass man wichtige Momente gerne teilen möchte, für Menschen, die selbst nicht dabei sein können und für die, die mit dabei waren als Erinnerung oder als Inspiration für andere. Doch das kann ich auch später machen, nachdem ich den Moment gelebt habe und zwar mit den Menschen, die du leibhaftig bei dir hast. Das macht ihn nämlich in meiner Erinnerung erst authentisch. Momente werden erst wertvoll, wenn man sie lebt! Musst du alles sofort zwanghaft posten und bist daueronline, bist du für mich dem Social-Media-Wahnsinn verfallen. Einem selbstauffressenden Narzissmus, einem Wahn zur Selbstinszenierung und bist nicht mehr als eine Maske: auswechselbar, zeitweise unterhaltsam, befremdlich, unwirklich mit der auffälligen Eigenschaft, dass es dich nicht mehr gibt. Dein wahres, unverfälschtes Selbst. Dein „I“.

So geht unsere Autorin Melina mit Sozialen Medien um.

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