Cocooning – „Bitte sprich mich jetzt nicht an“

368867_original_R_by_Marcel Klinger_pixelio.de

Viele Menschen sitzen zusammen im selben Raum und wollen doch für sich sein. Quelle: Pixelio

„Cocooning“ – nahezu niemand kennt diesen Begriff und doch macht es jeder. Das Wirtschaftslexikon definiert den Begriff als eine „Verhaltensform, die im Rückzug von der komplexen, bedrohlichen und unkontrollierbaren Umwelt in die eigenen vier Wände besteht.“ Im Marketing ist diese Verhaltensweise auch als „Homing“ bekannt. Eine Person igelt sich also im sicheren Zuhause ein, um weder seelisch noch körperlich Schaden zu nehmen.

Die „Generation Y“ hat dem Begriff „Cocooning“ allerdings eine neue Bedeutung gegeben. Zwar geht es noch immer um das einigeln bzw. zurückziehen, doch nicht mehr Zuhause in den eigenen vier Wänden, sondern an öffentlichen Orten. In Zeiten des Handys und Tablets kapselt man sich immer öfter von der Außenwelt ab. Wer wartet denn heutzutage auf den Bus, in einer Arztpraxis oder auf eine andere Person, ohne nicht sein Handy herauszuholen? Man könnte durchaus den Grund nennen, dass man beim Warten auch unterhalten werden möchte, aber ist dies wirklich der Einzige? Macht man es nicht auch, weil man nicht stumpf durch die Gegend gucken oder eventuell von anderen Menschen angesprochen werden möchte?

Ungestörtes Arbeiten unter fünfzig weiteren Personen?

Während meines Auslandssemesters in England habe ich noch eine weitere Form des „Cocoonings“ kennengelernt. Meine amerikanischen Mitbewohnerinnen sind zum Schreiben ihrer Hausarbeiten in die Bücherei gegangen. An sich erstmal nichts Ungewöhnliches. Doch saßen sie dort dann mit etwa fünfzig weiteren Studenten in einem Computerraum. Wenn alle ruhig sind und man nur das Tippen auf den Tastaturen oder das Klicken der Mäuse hört, würde ich persönlich schon verrückt werden. Jedoch waren viele der anderen Studenten in diesem Raum daran interessiert, an welchen Texten die Personen dort arbeiten. Das führte dazu, dass meine Mitbewohnerinnen nach einer Weile völlig genervt wieder zurückkamen, weil sie immer wieder angesprochen wurden und sich innerlich dachten „Bitte sprich mich jetzt nicht an“. Dieser Gedanke hat die Menschen natürlich nicht davon abgehalten sie doch anzusprechen. Auf meine Frage, warum sie denn dann trotzdem immer wieder in die Bücherei gingen, erhielt ich folgende Antwort: „Weil ich in Ruhe meine Hausarbeiten schreiben und nicht ständig von einem vibrierenden Handy, den Mitbewohnern oder sonstigem abgelenkt werden möchte“. Weil man also abgelenkt wird, wenn man alleine in seinem Zimmer sitzt, geht man in einen Computerraum mit fünfzig anderen Personen? Klingt nicht gerade einleuchtend.

Was für mich ziemlich sinnlos erscheint, ist für die Betroffenen selbst sehr logisch. Sie gehen in die Bücherei, um sich selbst zu disziplinieren. Mit dem Gefühl 49 arbeitende Menschen um sich herum zu haben, muss man selbst auch etwas tun. Das ist der Gruppenzwang, den man nutzen muss. Trotzdem erscheint es erst einmal abwegig, dass man sich freiwillig in einen Raum voller Leute begibt, aber für sich sein und nicht von anderen angesprochen werden möchte.

Mit Kopfhörer in den Ohren

Eine andere alltägliche Form des „Cocoonings“ ist das Musik hören im Bus oder in der Bahn. So gut wie jeder hat es schon einmal gemacht. Viele tun es sogar regelmäßig. Ich gehöre auch dazu. Immer wenn ich alleine die öffentlichen Verkehrsmittel benutze, stecke ich mir meine Kopfhörer in die Ohren und schaue aus dem Fenster oder auf mein Handy. Auch in diesem Moment kapsle ich mich von meiner Umwelt ab, obwohl viele andere Personen um mich herum sind. Doch wenn ich meinen Blick durch den Bus oder den Zug schweifen lasse, fällt mir auf, dass die Leute in meinem Alter genau das Gleiche tun. Ältere Menschen, wie Rentner hingegen sitzen dort ohne ein Handy oder Kopfhörer in den Ohren. Das zeigt, dass es also wirklich ein Phänomen der „Generation Y“ ist.

Ich hatte mir vorher über diese Verhaltensformen keine Gedanken gemacht. Doch als wir für eine Vorlesung hier in England einen Text lesen sollten und genau dieses Verhalten beschrieben wurde, habe ich darüber nachgedacht. Dabei habe ich festgestellt, dass ich mich unbewusst immer wieder von meiner Außenwelt abkapsle und es sogar nahezu täglich passiert. Doch auch wenn es mir nun bewusst ist, werde ich mein Verhalten nicht ändern. Ich möchte auf meine Lieblingsmusik während einer langen Busfahrt nicht verzichten. Oder wenn ich länger auf etwas oder jemanden warten muss, werde ich weiterhin mein Handy herausholen und Nachrichten beantworten oder auf Facebook und Instagram nach Neuigkeiten Ausschau halten. Ich gehöre schließlich zur „Generation Y“.

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