Journalistentag NRW: Diskussionen zwischen Hochofen und Kühler

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V.l.n.r.: Ali Can, Sümerya Kaya, Kay Brandermann (Moderator), Verica Spasovska und Hussam Al Zaher diskutieren über die Rolle der Medien. Foto: Melina Seiler

Duisburg. Sollten Journalisten mehr über Positives berichten? Und wie stark können Medien zur Flüchtlingsintegration beitragen? Das und noch weitere aktuelle Themen diskutierten hunderte Journalisten auf dem Journalistentag des Deutschen Journalistenverbandes in NRW in Duisburg. Dabei prallten Grundsatzfragen und verschiedenste Grundhaltungen des Journalismus aufeinander.

Der Landschaftspark Duisburg-Nord ist eine ungewöhnliche, doch magische Location. Es strömt keine heiße Luft mehr durch die Rohre, um die Stahlproduktion anzufachen, oder welche Rolle ihnen auch immer zukam. 1985 wurde der letzte Hochofen stillgelegt. Nun finden hier nur noch Open Air Kinos oder Veranstaltungen statt, wie der gestrige Journalistentag des DJV des Landesverbandes NRW.

Ein Tag des Austauschs

Die vier Diskutanten sitzen vor einem riesigen Blechrohr. Sie würden in der gigantischen Industriehalle verloren wirken, wäre sie nicht voller Besucher und blitzender Kameras, die gespannt die Diskussion über die Rolle der Medien in der Integration von Geflüchteten mitverfolgen.

Sümerya Kaya, Moderatorin von COSMO Radio, Verica Spasovska, Programmleiterin des Global Media Forums der Deutschen Welle, Hussam Al Zaher, Herausgeber des Hamburger Magazins „Flüchtling“ und Ali Can, Gründer der Hotline für besorgte Bürger, tauschen sich aus. Eine interessante Mischung aus zwei Vertretern der traditionellen Medien und zwei aus jungen aus der Flüchtlingskrise entstandenen Medien, die unterschiedliche Auffassungen von den Aufgaben des Journalismus haben.

Es geht nicht um das „Wie“, sondern um das „Ob überhaupt“

Alle sind sich einig, dass Worte wie „Flüchtlingskrise“ und „Flüchtlingsintegration“ ihre eigentliche Bedeutung verloren haben, da sie zu häufig für falsche Sachverhalte genutzt wurden. „Flüchtlinge sind keine Krise — sie sind Menschen“, sagt Hussam al Zaher, dem stimmen alle Beteiligten zu. Aber sind sie nicht da, um den Sinn der Worte neu festzulegen, sondern der Frage auf den Grund zu gehen, wie Medien zur Integration von Flüchtlingen beitragen können.

Nach einem zu Beginn homogenen Wortwechsel, kommt die Diskrepanz: Ist es überhaupt Aufgabe der Medien zu einer Integration beizutragen? Ali Can sieht es nicht als die Aufgabe der Medien an. Dennoch könne eine verbesserte Integration das Resultat eines guten und diversen Journalimus sein. Der Moderator Kay Brandermann sieht es hingegen als eine feste Aufgabe eines guten Journalismus.

Die Runde geht wegen Zeitmangels offen auseinander, doch die Frage bleibt: Ist es die Aufgabe der Medien durch eine bestimmte Art der Berichterstattung zur Integration beizutragen? Oder, sollen sie die Vielseitigkeit der bestehenden Integrationsmaßnahmen dokumentieren? Nach der Podiumsdiskussion wurde noch in vielen kleinen Gruppen hitzig weiterdiskutiert und Meinungen ausgetauscht mit den Diskutanten, sowie mit dem Publikum. Ebenso viel Resonanz hatte der Workshop über Constructive Journalism von David Ehl, Redakteur von Perspective Daily.

Wie viele Menschen auf der Welt können lesen oder schreiben?  

Wie viele Kinder auf der Welt sind gegen Masern geimpft? 80, 50 oder 10 Prozent? Wie hat sich die Zahl der Toten durch Naturkatastrophen seit 1970 verändert? Hat sie sich verdoppelt, ist sie gleich geblieben oder ist sie um die Hälfte gesunken? In beiden Fällen ist die positivste Aussage die Richtige. Alle im Raum waren erstaunt. „Die momentane Berichterstattung hat den Trend Schlechtes in den Fokus zu stellen“, erzählt David Ehl. Er stellt den Konstruktiven Journalismus, eine positive Berichterstattung, als eine Ergänzung zum alltäglichen Journalismus vor.

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David Ehl von Perspektive Daily berichtet über Constructive Journalism. Foto: Désiree Schneider

Es ist eine junge und noch nicht so weit verbreitete Form des Journalismus in Deutschland, aber alle im Raum fanden, sie hat ihre Berechtigung. Bad News bleiben die Good News, aber es gehört auch dazu, dass die Menschen aufgeklärt sind und nicht immer nur vom Schlechtesten ausgehen. Constructive Journalism könnte aktiv angewandt ein Ausgleich dazu sein und zu einer ausgewogenen Berichterstattung beitragen.

Perspektive Daily hat sich auf Constructive Journalism spezialisiert und veröffentlicht auch nur einen Artikel täglich, der einen Lösungsansatz zu einem aktuellen Problem gibt. Integriert man ihn aber in den Alltag und nimmt ihn als Richtwert, so kann man das momentane schwarz-weiß Denken durchbrechen und auch die Grautöne aufzeigen, so Ehl.

Das Publikum: Männlich, mit Drei-Tage-Bart und Ryan-Gosling-Brille

Der gesamte Journalistentag stand unter dem Zeichen der Veränderung. Die Journalisten und Journalistinnen wollen, dass sich etwas in ihrer Branche ändert und Ideen nicht nur Wunschdenken bleibt, wie Marie Illner ihr Luftschloss des idealen Journalismus beschreibt: „Er ist entschleunigt, Journalisten haben mehr Zeit für tiefgängige Recherchen und scharfsinnige Interviews und sind mutiger.“ Außerdem solle der Lokaljournalismus kein Sprungbrett mehr sein, da er seine eigene Relevanz und essentiell sei.

Der 23-Jährigen fehlt der weibliche Blick in den Journalismus. Trotz Anne Will ist die Berichterstattung zu homogen und das Publikum ist statistisch gesehen „männlich, mit Drei-Tage-Bart und Ryan-Gosling-Brille“.

Veränderung braucht Orientierung

Die meisten jungen Journalisten arbeiten dreigleisig: Sie arbeiten als Freie, studieren und produzieren selbst Inhalte für einen Blog oder andere Projekte. Auch Florian Gregorzyk (FloVloggt) kennt das, er wertschätzt daran vor allem, seine freie Arbeitsweise von Zuhause aus, anstatt in einer Redaktion zu sitzen.

Der Journalismus verändert sich. Es gibt noch viele Schreibtischsitzer, die acht Stunden von 9 bis 17 Uhr in der Redaktion arbeiten. Die Zukunft sieht jedoch anders aus. Unternehmen wie Google machen es vor: freie Arbeitszeiten, flache Hierarchien, um den Kreativitätsfluss zu steigern. Diese Wunschvorstellung steht aber in Kontrast zu den Anforderungen des Publikums und den Sozialen Medien. Dies zwingen den Journalisten  gewissermaßen, sie täglich mit Inhalten zu befüttern. Zudem verlangt die Leserschaft auf sozialen Medien nicht nur Informationsgehalt wie in den traditionellen Medien, sondern mehr Inspiration und Unterhaltung.

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Der Journalistentag bot viele spannende Diskussuionsthemen. Hier das Forum der Medien und Landwirtschaft.  Foto: Melina Seiler

Die Digitalisierung stellt dem Journalismus neue Herausforderungen, wie schon Frank Stach, Vorsitzender des DVJ, zur Eröffnung des Tages erzählte. „Es muss sich etwas verändern, doch brauch eine Veränderung auch Orientierung.“ Diese sollte der gestrige Journalistentag des DJVs den über 550 Journalistinnen und Journalisten geben.

Weitere spannende Diskussionsthemen waren: Die Berichterstattung über Menschen mit Behinderung, der Umgang mit Hasskommentaren, Fake News, die Kosten der Pressefreiheit, der Weg von der Uni in die Redaktion und die Vereinbarkeit von den Berufen Journalist und Autor.

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