Auf Kräuterwanderung: Heilendes Unkraut und leckere Zierpflanzen

Eine Reportage.

hausgemachte Liköre

Hausgemachtes von der Wiese: Kräutersirup, Pfirsichsirup, Zitronen-Verbenen-Likör und Mädesüßsirup (vlnr.). Foto: Désiree Schneider

Oberursel. Hessische Wiesen die reinste Natur-Apotheke. Was es gibt und wie man es nutzen kann, zeigt mir Kräuter-Kundlerin Sonja Corterier aus Oberursel auf einer Kräuterwanderung.  Die gelernte Juristin interessiert sich schon ihr Leben lang für das vergessene Wissen und Nutzen der Heilpflanzen. Sie ernährt sich gerne aus der Natur. Zusammen tauchen wir ab in die Welt der Wiesen und Wildkräuter.

„Es geht nicht, in Deutschland durch die Gegend zu gehen, ohne etwas Essbares zu finden.“ Mit diesen Worten ziehen wir los ins Feld Richtung Stadtrand. Es ist ein heißer Tag. Kaum sind wir elf Schritte aus der Tür, bleibt Sonja Corterier bereits an einer Pflanze am  Maschendrahtzaun des Nachbargrundstücks stehen. Es ist ein kleines buschiges Gewächs, wie ein Tannenzweig. Dabei handelt es sich um den Ackerschachtelhalm, auch bekannt als Zinnkraut.

„Er kann als Gemüse gekocht werden, schmeckt aber nach nicht viel und ist  eine der ältesten Pflanzen, älter als unsere Spezies“, erklärt mir die Kräutersammlerin. Ihre Augen strahlen, sobald sie anfängt über Kräuter, ihre Verwendung und Heilwirkungen zu erzählen.

In den meisten Gärten unerwünscht

Wir kommen nur langsam voran. Alle paar Meter bleiben wir stehen, da meine Führerin ein neues Gewächs entdeckt und mich über dessen Herkunft, Verwendung und Heilkraft aufklärt. „Und das ist Plantago lanceolata, Spitzwegerich.  Er hilft gegen das Jucken von Mückenstichen. Einfach ein paar Blätter sammeln, zu einem Ball rollen und den heraustretenden Saft auf den Stich verreiben.“ Den habe ich vor der Tür zu Haus immer gejätet. Dabei ist Unkraut für diese Wunderpflanzen das Unwort schlechthin. Am Zaun wächst ein weiteres „Unkraut“ , das in den meisten Gärten unerwünscht ist: Brennnesseln. „Dabei sind  Brennesselsamen sehr proteinreich. Die Blätter  taugen auch gut als Spinatersatz und sind gute Eisenlieferanten.“ Wahres Superfood also. Frau Corteriers Empfehlung:  Sie lassen sich gut in einer  Brennnessel-Quiche verarbeiten, wie eigentlich alles Grüne. Eine Quiche geht immer. Gegen das Brennen muss man die Brennesselblätter nur einmal kurz dünsten oder mit den Nudelholz drüber rollen.

Heilendes Unkraut

Am Wiesenrand angekommen, wächst Kamille. Doch was so täuschend echt nach der beliebten Heilpflanze aussieht, ist ihr Betrüger die Hundskamille. Sie ist leicht giftig und nicht essbar, warnt mich die blonde Kräutersammlerin.  Sie hatte ihre erste selbstgesammelte Kamille als junges Mädchen zu  Gesichtsbad und Blondglanzspülung weiterverarbeitet. Unterscheiden kann man die zwei, indem man die Blüte mit den Fingern einmal halbiert. Die echte Kamille ist hohl, die Hundskamille nicht.  Vorbei an Giersch, Weißdorn und Klatschmohn stoßen wir auf Mädesüß, den habe ich vorhin schon als Likör verarbeitet gesehen. Man könnte ihn auch gut zum Sirup aufkochen, dann mit Sprudel aufgeschüttet als Limonade oder mit heißem Wasser als bereits gesüßten Tee aufgegossen genießen.

Die Wiese um uns herum ist gespickt mit Gänseblümchen. Dass sie essbar sind, weiß ich. An einem Gänseblümchen-Salat habe ich mich tatsächlich schon probiert, er schmeckte aber gewöhnungsbedürftig. Nun erfahre ich, dass ihr Knospen eingelegt noch viel besser seien und als Salbe oder Tinktur verarbeitet, die perfekte Kinder-Arnika abgeben. Denn sie haben die gleichen Wirkstoffe, nur milder und wirken schmerzlindernd bei Verstauchungen und Prellungen. Und wenn der Mückenstich mal juckt, einfach ein Gänseblümchen darauf verreiben.

Eingelegte Weinberglauchsamen oder Gänseblümchenknospen

Dann erreichen wir eine ziemlich kahle Stelle. „Den Weinberglauch hier haben wir abgemacht, um ihn einzulegen“,  sagt sie und zeigt auf das Feld, wo wir tatsächlich nur noch wenige Stängel der Pflanze finden. Man riecht ihn eindeutig, würzig und mild streng. „Und er hat Telekom-farbene Blüten.“ So kann ich mir gleich wieder vorstellen, wie das Feld vor der Ernte ausgehen haben muss, ein hübscher Anblick für die, die nichts damit anzufangen wissen und ein Leckerer für, die bereits ihn bereits als Schnittlauch im Kräuterquark schmecken. „Wir lassen beim Ernten aber immer etwas stehen, damit man auch noch sieht, dass hier eine Fundstelle ist und damit er nächstes Jahr nachwachsen kann. Nur diesmal war mein Mann etwas übereifrig.“

Wer keine Kapern mag, findet mit eingelegten Weinberglauchsamen oder Gänseblümchenknospen eine gute Alternative. Sonja Corterier hat erst vor kurzem die gesammelten Weinberglauchsamen eingelegt und lässt sie mich nach der Wanderung probieren: Sehr würzig, etwas salzig und säuerlich. Die Zubereitung ist nicht schwer, sie werden sauer eingelegt wie Kapern. Man kocht Wasser, Essig, und Gewürze auf und würzt es mit Salz, Pfeffer und Honig oder Zucker auf. Haben sich alle Zutaten aufgelöst, übergießt man die Samen mit der heißen Mischung, verschließt sie luftdicht und lässt sie ein bis zwei Wochen ruhen  – ebenso mit Gänseblümchenknospen.

Feinkost am Waldrand

Wir kommen an den Waldrand. Dort bleiben wir direkt vor einigen riesigen grünen Stängeln stehen. Die sind größer als ich, was auch nicht schwer ist, aber das sind mindestens zwei Meter. Ich werde aufgeklärt: Es sind Nachtkerzen. „Sie gehen erst abends auf und haben dicke gelbe Blüten, daher auch der Name. Blüten und Knospen schmecken super auf dem Brot oder im Salat, zart und leicht blumig.“ Dahinter steht die Große Klette. Sie besitzt lange Pfahlwurzeln, die laut Frau Corterier gedünstet mit Sojasoße in der Pfanne zubereitet zum Niederknien lecker seien. So langsam bekomme ich Appetit.  Wie gerufen wächst gleich nebenan Springkraut. Die Samen sind roh genießbar. Hier ist Technik und Fingerspitzengefühl gefragt. Wie komme ich am besten an die essbaren Samen, ohne dass sie mir wegspringen? Nach ein paar Versuchen und etwas Hilfe habe ich es dann auch geschafft und es schmeckt erstaunlich gut. Die Samen haben ein leicht nussige Note.

Essbare Zierpflanzen

Auf dem Heimweg durch Oberstedten sehen wir einen Magnolienbaum. Viele denken, die Pflanze sei giftig. Dabei ist die Hobby-Sammlerin der Meinung, dass Magnoliensirup mit Prosecco aufgeschüttet das Beste ist, dass man zum Spargel genießen kann. Die Blühten kann man roh essen, sie sollen etwas bitter wie Chicorée nur blumiger schmecken. Leider ist die Magnolienzeit bereits vorbei, doch blühen die Wicken. Hübsche und essbare Blüten und mein erstes Straßenbuffet –  lecker. Wir pflücken aber nur die Wildwachsenden und halten uns von den Gärten der Privatgrundstücke fern. Noch kauend kommen wir an einem Garten mit Zierfrauenmantel vorbei. Da amüsiert sich meine Begleiterin: „Die Flüssigkeit auf den Blättern der Pflanze wurde früher Erfrischungswässerchen fürs Gesicht benutzt. Man dacht es wäre der Tau. Dabei ist es kein Tau, sondern Pflanzenschweiß. Saft, den die Pflanze absondert, so wie Hefe der Alkoholpups ist und Honig die Bienenkotze.“ Bei der Vorstellung einer Honig kotzenden Biene lachen wir beide.

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