Klassik in der Frankfurter Hauptwache

Ein Portrait.

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Carol Nae in spielt seit 25 Jahren Geige. Foto: Désiree Schneider

Frankfurt. Seit zehn Wochen empfängt der Musiker Carol Nae jeden Morgen die Reisenden mit klassischen Klängen von Bach und Vivaldi in der U-Bahn-Passage der Frankfurter Hauptwache. Die Bahnstation liegt direkt an der Haupteinkaufsstraße Zeil. Doch was verschlägt einen ausgebildeten Geigenspieler in eine Frankfurter Bahnstation?

Es ist kurz vor zehn Uhr morgens. Hunderte Pendler strömen durch die Bahnstation der Hauptwache auf dem Weg zu U- oder S-Bahnen oder Richtung Innenstadt, vorbei an Carol Nae. Dieser stimmt gerade „Sonata no. 4“ von Georg Friedrich Händel mit seiner Geige an. Sein Instrument ruht auf seiner rechten Schulter. Er schaut konzentriert auf seine handgeschriebenen Noten im Notenhalter vor sich und lässt seinen Bogen über die Saiten tanzen. Muntere Geigenklänge erfüllen die Halle der Hauptwache. Der Rumäne trägt ein schlichtes schwarzes T-Shirt, graue Jeans und elegante schwarze Halbschuhe.  Er steht vor der digitalen Anzeigetafel am Zeilausgang.  Vor ihm liegt sein aufgeschlagener Violinenkoffer. Viele Menschen gehen daran  vorbei, doch ein Mann mit Aktentasche, der dem Geigenspiel schon einige Minuten zuhört, wirft ihm ein Geldstück hinein, bevor er weiterzieht.

„Geigespielen verbindet“

„Viele Leute gehen vorbei, aber manchmal steht auch eine ganze Menschentraube um mich.“ Als er zuvor sein Stück beendete, hat ihn ein junges Mädchen gefilmt. Das sei er gewohnt, genauso wie fotografiert oder angesprochen zu werden. Er liebt den Kontakt mit Menschen, es sind für in unverzichtbare „magische Momente“, wie er sie nennt. „Auch wenn mich jemand nur für 30 Sekunden beobachtet und nicht stehen bleibt, spüre ich den Kontakt tief in mir, während ich spiele“, anders weiß Carol es gar nicht in Worte zu fassen. Seinen Tag beginnt der Straßenmusiker gegen acht Uhr.

Nach dem Frühstück geht er als erstes hierher in die Hauptwache und spielt für circa eine Stunde. Er beginnt mit ruhigen Liedern, das habe sich bisher bewährt, ebenso wie Vivaldi. Er wisse nicht wieso, doch Stücke von Vivaldi schienen die Menschen lieber zu hören als von anderen Komponisten. „Jedenfalls liegen danach mehr Münzen im Koffer“, sagt Carol und zwinkert.

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Wer erkennt das Stück? Carols handgeschriebene Noten. Foto: Désiree Schneider

Was er wann spielt, habe er erst selbst erproben müssen. Als er vor fünf Jahren das erste Mal nach Frankfurt kam, wusste Carol nicht, was ihn erwartet. Wird er mit seiner Musik genug Geld verdienen, um über die Runden zu kommen? Zu Hause in Rumänien könnte er kaum Geld verdienen, Violinist werde dort nicht als richtiger Beruf angesehen und die Bezahlung sei schlecht. Doch konnte er in Frankfurt Fuß fassen: „Ich war bereit jederzeit wieder meine Heimreise anzutreten, doch dann wurde aus den Tagen Wochen und am Ende drei Monate“, freut sich der 32-Jährige.  Seit 2012 kommt er jeden Sommer für drei bis vier Monate nach Frankfurt und musiziert mit seiner Geige als Straßenmusiker auf der Zeil und in der Hauptwache.  Dabei bevorzugt Carol die unterirdische Halle der Hauptwache gegenüber der Einkaufsstraße: „Die Akustik hier ist besser als draußen, da der Raum durch die Decke begrenzt ist.“

Der Tag eines Straßenviolinisten

Nach einer Stunde in der Hauptwache packt der Violinist seine Sachen zusammen und wechselt hoch auf die Zeil. Doch dort läuft es weniger gut, da die Geigenklänge nicht gegen den Wind ankommen. Also geht er wieder runter. In der Regel wechsle er die Standorte stündlich, so lange, bis er ausreichend Geld für den Tag zusammen hat, um sämtliche Kosten wie Miete, Essen und Bahnticket zu decken. An guten Tagen mache er um 17 Uhr Feierabend, an schlechteren Tagen spiele er bis zu zwei Stunden länger.

„Manchmal spiele ich auch einfach so länger, weil es Spaß macht. Wenn ich spiele, sehe ich die Welt anders.“ Carols braune Augen schauen fasziniert in die Menschenmenge, die gerade die Treppe zur Hauptwache herunterkommt und fügt hinzu: „Ich beobachte die Leute und sie beobachten mich. Dabei lerne ich viel über die Psychologie und das Verhalten der Menschen.“ Wie viel er verdient, möchte er nicht verraten. Doch sei es genug zum Leben. Habe er am Ende des Monats genügend Geld über, schicke er es nach Hause zu seiner Familie.

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Eine Passantin filmt sein Geigenspiel. Foto: Désiree Schneider

„Es ist ein Lebensabschnitt, den ich genieße“

Carol spricht Englisch, Spanisch und Rumänisch, in Deutsch übt er sich noch. Er möchte auch nächsten Sommer wieder in der Hauptwache musizieren. Denn Frankfurt biete ihm das, was er daheim nicht habe: praktische Übung vor einem aufgeschlossenen Publikum. Die Wintermonate verbringt er bei seiner Familie in Rumänien, besucht seine Oma und übt das Musizieren. Denn er weiß, der Erfolg liegt in der Übung. Schließlich will er später als Violinist auf öffentlichen Bühnen Konzerte geben und selbst unterrichten.

Das erste Angebot als Musiklehrer habe er auch schon erhalten: „Auf einmal war da ein Mann in der Hauptwache, der mich für eine halbe Stunde beobachtet hat. Alle gingen irgendwann weiter, nur er nicht. Und dann kam er zu mir und fragt mich, ob ich in seiner Musikschule unterrichten will.  Er will sich bald wieder melden.“ Doch auch wenn Carol den Job bekommt, möchte er weiterhin unter den Menschen in der Öffentlichkeit spielen. Denn die unmittelbaren Reaktionen der Menschen seien die beste Rückmeldung zu seiner Musik und er brauche die Übung, denn er wolle seiner musikalischen Familie alle Ehren machen.

Hier könnt ihr Nae Carols Musik auf YouTube finden.

Sein Vater, sein Bruder und sein Onkel spielen Instrumente. Sein Großvater spiele Cimbalom, ein historisches Saiteninstrument, das mit Schlägeln geschlagen wird. Er war es auch, der Carol im Alter von sieben Jahren eine Geige kaufte. Daran erinnert sich der Musiker noch gut: „Mein Opa drückte mir die Geige in die Hand und sagte ‚Lerne damit zu spielen‘, obwohl ich doch keinen blassen Schimmer hatte.“ Das hätte seinen Ehrgeiz geweckt, seitdem übe er täglich und hat einen Masterabschluss von der „Dinu Lipatti“ Musikhochschule in Budapest gemacht.

Doch wieso verdient er als ausgebildeter Violinist sein Geld als Straßenmusiker? Bei dieser Frage muss Carol lachen: „Ganz einfach, weil ich es mag.“  Er hebt die Geige an die rechte Schulter, neigt den Kopf zur Seite und stimmt „Vier Jahreszeiten“ von Antonio Vivaldi an.

 

 

 

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