Müllabfuhr: unterwegs mit den Jungs

Eine Reportage.

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Frankfurt. Pünktlich um 8 Uhr 30 holen sie mich ab. Übersehen kann man sie keinesfalls. Der Müllwagen ist optisch als auch geruchstechnisch nicht zu verfehlen. Der 15,5 Tonnen schwere LKW rollt langsam heran, hinter der großen Frontscheibe sitzen drei braungebrannte lachende Männer mit orangenen Westen, die mir freundlich zuwinken. Meine Begleiter für die nächsten eineinhalb Stunden.

Es ist ein lauer Sommermorgen und soll noch wärmer werden. Ich steige ein und grüße die drei, sie sind sehr nette und aufgeschlossene Menschen und nehmen mich schnell in ihre Mitte auf. Nachdem ich mich gesetzt und eine orangene Warnschutzweste über meine Jacke gestreift habe, die zeigt, dass ich heute Morgen mit zum Team der Frankfurter Entsorgungs- und Service GmbH (FES) gehöre, geht es auch schon los. Ich erfahre, dass die drei schon seit sechs Uhr morgens im Gallusviertel unterwegs sind. Bisher ist der Laderaum des Müllwagens nicht einmal halb voll. Heute stehen insgesamt 668 Biotonnen auf dem Plan.

1 Schitt Die Entleerung der Biotonne

Entleerung einer Mülltonne. Foto: Désiree Schneider

Sobald wir die nächste Reihe Tonnen erreichen, ziehen der Teamleiter Ahmed Rifi und Mohamed Danili ihre Handschuhe an und strömen in zwei gegenüberliegenden Richtungen aus. Einer nach links, der andere nach rechts, jeder übernimmt eine Straßenseite. Hamid El Jazouli bleibt am Steuer. Er erklärt mir, dass sich normalerweise einer um das Rausstellen der Tonne, ein anderer um das Kippen kümmert und der letzte die leere Tonne wieder wegbringt, während der Fahrer das Müllauto im Schritttempo weiterlenkt. Das ginge aber nur in einem Viererteam.

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Mohamed hackt die Mülltonne in die Hubautomatik des Müllwagens. Foto: Désiree Schneider

Für längere mülltonnenlose Fahrstrecken stellen sich die Jungs hinten auf das Auto und fahren ein Stück mit. Aus den Beifahrerspiegeln hat man das gut im Auge. Doch so leicht wie es aussieht, ist es gar nicht. Ich habe es auch ausprobiert und musste mich gut festhalten. Auch Schritttempo kann da ganz schön schnell werden, wenn der Boden so nah an einem vorbeisaust und der Geruch des Laderaumes einem entgegenschlägt.

Die kurze Mitfahrgelegenheit wird von Mohamed gerne genutzt: „Bis zu 25 Kilometer am Tag sind normal, ich habe so einen Schrittzähler am Armband, der mir das aufzeichnet. Ich wollte mal eine konkrete Zahl haben, wie viel ich während meiner Arbeit am Tag so laufe. Und es wird immer mehr gebaut hier in Frankfurt, die Wohngegenden werden größer und so auch unsere Einzugsgebiete und Strecken, die wir jeden Tag laufen müssen.“ Die Strecke heute hier im Gallusviertel sei noch kurz und angenehm vor allem wegen des Wetters. Es ist sonnig, doch leicht bewölkt, etwa 23 Grad Celsius.

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Hamids Mappe. Foto: Désiree Schneider

Im Gallusviertel gibt es viele Einbahnstraßen. Der Fahrer Hamid hat eine Mappe mit dem genauen Fahrplan, wohin er fahren muss und welche Mülltonnen einzusammeln sind. In der Mappe ist auch eine Liste, die jedes Wohnhaus des Gallusviertels mit Adresse aufführt. Jede Adresse ist einer Nummer zugeordnet und es wird vermerkt, wer die Mülltonne selbst rausschieben muss. Wir kommen an ein Haus. Ahmed gibt eine Handbewegung und Hamid übersetzt sie für mich: „Das Haus hier vorne rechts hat die Mülltonne nicht draußen, das müssen wir der Zentrale melden.“ Er sucht die Nummer der Adresse heraus und gibt sie ins System ein, zusammen mit einem weiteren Nummernkürzel, welches den Grund angibt. Es gibt für alle Szenarien eine Nummer, so wird auch gemeldet, wenn eine Mülltonne wegen falscher Mülltrennung oder zu schwerem Gewicht nicht mitgenommen wird, sie kaputt ist oder sie aus Versehen ins Müllauto fällt, damit eine Neue angefordert werden kann.

Die meisten Häuser hier sind Mehrfamilienhäuser, bei denen die Müllabfuhr pauschal abgerechnet wird. Andere werden nur pro Mülltonnenentleerung abgerechnet, die sind in Hamids Mappe mit einem Kreuz markiert. Wenn hier keine Mülltonne am Straßenrand steht, wird sie auch nicht entleert und es fallen keine Kosten an. Da die meisten Menschen die Abholung bezahlen, stellen sie die Mülltonnen auch nicht raus, dadurch haben Ahmed und Mohamed mehr Arbeit und müssen die schweren Mülltonnen und Müllcontainer erst hinter dem Haus oder manchmal sogar aus dem Keller holen, erzählt Hamid hinter dem Steuer und schaut dabei Ahmed zu, wie er gerade eine schwere Tonne eine Stufe hochhievt. Als er die Tonne in das Auto einhängt, zeigt die Digitalanzeige vorne im Armaturenbrett 23,3 Kilogramm an. „Das ist so das Durchschnittsgewicht einer kleinen Biotonne. Doch die großen Container können bis zu 100 Kilo wiegen.“ Da wirft Mohamed ein: „Naja, gestern hatte ich eine die war sogar 130 Kilo schwer, das schaffe ich gar nicht alleine.“ Und so eine tägliche Runde beinhaltet meistens 800 Tonnen.

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Ein Müllwagen vor uns mit großen Kontainermülltonnen. Foto: Désiree Schneider

Das ist eine knochenschwere Arbeit. Der Fahrer Hamid arbeitet schon seit fast zehn Jahren bei der FES. „Die Arbeit ist schwer. Und im Sommer ist es wie in der Sauna. Der Geruch geht in die Klamotten und du stinkst jeden Tag. Heute ist es aber noch voll in Ordnung, so richtig unerträglich wird es erst ab 35 Grad.“ Damit spricht er den beißenden Geruch des Biomülles an. Er wasche seine Klamotten jeden Tag zu Hause, man kann es auch in der Firma machen lassen, aber er will auch irgendwann mal nach Hause. Er und Mohamed sind beide Fahrer, sie wechseln sich regelmäßig ab. Die Arbeit ginge vor allem in die Schultern und den Rücken. Auch wollen viele Kollegen lieber mit dem Restmüll oder Papier arbeiten als mit dem Biomüll, da sie den Geruch im Sommer nicht aushalten. Im Winter gebe es weniger Biomüll als im Sommer. Momentan wird er alle zwei Wochen in jedem Stadtviertel abgefahren. Die Stadt beratschlagt sich aber bereits über eine wöchentliche Abfuhr, da der Geruch durch die Gärung der Fruchtsäfte teilweise sehr intensiv ist. Doch die drei Jungs versichern mir, dass man mit der Zeit dagegen abhärtet. „Anders geht es ja nicht, wir können ja keine Wäscheklammern auf der Nase tragen“, meint Mohamed lachend.

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Hamid am Steuer. Foto: Désiree Schneider

„Scheiße“, flucht Hamid und das Lachen verstummt. Wir befinden uns vor einem Engpass. Links ein parkendes Wohnmobil, rechts ein breiter SUV. Es ist kaum Platz für das breite Müllauto. Der Fahrer muss rangieren. Langsam manövriert er den LKW durch die enge Stelle. „Manchmal sind die Straßen so zugeparkt, dass wir nicht reinfahren können und da hier alles Einbahnstraßen sind, müssen wir dann von der anderen Seite der Straße rückwärts reinfahren.“ An der nächsten Kreuzung darf er seine Fahrkünste erneut unter Beweis stellen: Die Autos parken bis um die Kurve und verengen somit die Straße, sodass das Müllauto kaum um die Kurve kommt. Hamid muss im Zentimeterabstand nach vorne und hinten rangieren bis er den LKW gewendet hat. Dabei helfen ihm die anderen zwei und geben ihm Handzeichen. Die drei sind seit zwei Jahren ein eingespieltes Team. Nach einigen Minuten ist das Müllwagen um die Kurve.

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Auf dem Monitor sieht Hamid die Handzeichen seiner Kollegen. Foto: Désiree Schneider

„Und den vorgeschriebenen Abstand von fünf Metern zur Kreuzung können auch die wenigsten einhalten!“ flucht er. Doch hat das Manöver den Verkehr aufgehalten und es hat sich eine kleine Schlange von Autos angesammelt. „Die müssen nun warten“, sagt Hamid. „Das geht leider nicht anders. Wenn ich Platz habe, lasse ich auch immer welche vorbei. Aber wir können nicht fünfmal um den Block fahren, nur um Autos vorbeizulassen.“

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Wir stehen im Stau, der von einem anderen Müllauto verursacht wird. Foto: Désiree Schneider

Die Fahrradfahrer sind mobil und fahren problemlos an dem Müllwagen vorbei. Zum Glück sind alle geduldig genug und niemand beginnt ein Hupkonzert. Die drei gehen unbeirrt weiter ihrer Arbeit nach. Ahmed und Mohamed streichen sich den Schweiß von der Stirn und wedeln sich mit der Hand frische Luft zu als sie die Tonne hinten an das Müllauto hacken. Sobald der Kontakt zwischen Tonne und dem Hubmechanismus hergestellt wird, wird die Tonne automatisch angehoben und mit Druck nach oben gekippt. Dabei fällt ihr Deckel auf und durch den kleinen Aufprall wird der Biomüll in den Innenraum des Müllwagens geschleudert, wo er von einer großen Schaufel nach hinten gezogen wird. Dabei wird er zusammengedrückt und komprimiert, damit möglichst viel Volumen in den Elf-Tonnen-Lader passt. In der Winterzeit friert der Müll auch gerne einmal in der Tonne fest, erklärt mir Hamid, dann müssen sie mit den Schaufeln nachhelfen. Doch woher wissen sie, ob die Tonn leer ist oder nicht? „Ob die Tonne leer oder noch etwas drinnen ist, hört man, wenn die Tonne abgestellt wird.“ Die Jungs haben ein geschultes Gehör.

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Müllausschüttung an der Bioabfallbehandlungsanlage. Foto: Désiree Schneider

Die Drei arbeiten gerne zusammen. „Die zwei sind keine üblen Typen, der da feiert auch bald seine Hochzeit“, meint Hamid und zeigt auf den großgewachsenen Mohamed. „Ja ich arbeite gerne mit den zwei Chaoten, die kennen sich aus und müssen nicht mehr nachfragen“, stimmt Teamleiter Ahmed zu. Den Müllwagen selbst haben sie sich auch schon etwas heimisch eingerichtet mit Stickern und kleinen Kuscheltieren in der Windschutzscheibe, ihren „Maskottchen“. Da achten die drei auch sehr auf Reinlichkeit. Sie machen das Fahrerhaus täglich zum Feierabend sauber. Der große stinkende Innenraum des Müllwagens hingegen wird alle zwei Wochen von einer anderen Firma gesäubert. Gegen halb zehn beenden die Jungs ihre erste Runde, da der Laderaum fast voll ist und fahren zur Bioabfallbehandlungsanalage, wo sie ihn entleeren, um die weite Hälfte ihrer Runde antreten zu können.

 

Lest hier über die sechs Schritte der Biomüllweiterverarbeitung.

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