Das Leben im Rotlicht

Eine Reprotage.

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Frankfurt. Vergangene Woche hat Fotograf und Journalist Ulrich Mattner Journalistinnen zu einer Führung im Rotlichtmilieu des Frankfurter Bahnhofsviertels geladen. Eine Welt, die Frauen sonst verschlossen bleibt. Eine Welt hinter den Fassaden der heruntergekommenen Mehrfamilienhäuser mit ihren grellen Neonschriften und rot blinkenden Herzchen in den Fenstern. Zuerst besuchten wir eine  bulgarische Prostituierte in ihrem Bordellzimmer der Taunusstraße 26, einen Security-Chef und die Chefin der Animierbar „My Way“. Lest hier, was ich erlebte.

Das Zimmer ist klein und kahl, es soll noch eines der Großen sein. In der Mitte steht ein Doppelbett mit rosa Streublümchen gemusterter Bettwäsche, dahinter ein großer Spiegel. Daneben ein Nachtisch mit Kondomen und Gleitgel. Das Zimmer ist penibel aufgeräumt. Im Fernsehen läuft leise RTL. Die Prostituierte Gabriella steht in der Ecke vor einem Kleiderschrank mit Gebrauchsspuren. Sie ist komplett in Schwarz gekleidet: enge Leggins, ein figurbetontes Oberteil und mörderische High Heels. Ihre langen schwarzen Haare trägt sie offen, der Blick hinter ihren langen schwarzen Wimpern – selbstbewusst. Hinter dem Bett und vorne an der Tür sind zwei Alarmschalter, die aussehen wie Lichtschalter. Gabriella musste sie schon oft betätigen, doch richtige Sicherheit geben sie ihr nicht.

Schneller Fick für 25 Euro

„Er hatte sein Messer genau an meinem Hals, ich konnte mich nicht bewegen.“ Vor drei Jahren war ein Mann 45 Minuten in Gabrielas Zimmer und bedrohte sie mit einem Messer, schildert die 34-Jährige nüchtern. Er wolle ihr die Augen ausstechen und ihr Geld stehlen. So entkam er auch mit 2000 Euro, doch sei er einige Tage später bei einem ähnlichen Überfall in einem der anderen 18 Bordelle des Bahnhofsviertels gefasst worden. Gebannt hören die Journalistinnen ihre Geschichte: Sie kam 2007 nach Deutschland, um Geld für die Familie zu verdienen, ohne jegliche Deutsch- und Englischkenntnisse und falschem Pass. Ihre muslimische Familie wisse bis heute nichts von ihrer Tätigkeit und denke, sie habe einen reichen Mann kennengelernt. In den zehn Jahren, in denen Gabriella  als Prostituierte arbeitet, hat die Bulgarierin viel Gewalt erlebt. „Das Geschäft hat sich in der Zeit viel verändert. Früher habe ich 80 bis 100 Euro für eine halbe Stunde bekommen.“ Heute kosten 15 Minuten Sex  25 Euro. Die Konkurrenz sei heute viel gößer, da momentan so viele junge Mädchen aus dem Osten nach Deutschland kämen. Deswegen verlaufe die Kundschaft sich mehr auf die einzelnen Prostituierten.

Weniger Geschäft: „Die Mädels bieten sich günstig an und machen alles.“

Das drückt die Preise nach unten. Gabriella selbst küsst keinen Kunden. Sex ohne Kondom ist auch ein No-Go. „Das sind meine Bedingungen für das Geschäft. Ich lehne auch Kunden ab, die unter 20 Euro zahlen wollen.“ Die Prostituierte hat einen festen Freund. Sie trennt Liebe und Beruf strikt voneinander. Anders als andere Mädchen des Laufhauses Taunusstraße 26 hat sie eine eigene Wohnung, in die sie nach ihrer Arbeit zurückkehrt. Andere schlafen in den angemieteten Zimmern. Ein Zimmer kostet 140 Euro für 24 Stunden. Von den 140 Euro Zimmermiete gehen 15 Euro an das Finanzamt. Ihre Preise legt jede Prostituierte selbst fest, doch die Miete muss jede Nacht mit drin sein. Gabriella arbeitet unter der Woche von 17 bis zwei Uhr morgens und am Wochenende bis sechs Uhr morgens. So konnte sie ihren Geschwistern die Bildung finanzieren. Die Zukunft sieht sie selbst optimistisch: Sie möchte ihre 14-jährige Tochter bald nach Deutschland holen, vielleicht schon Ende des Jahres. „Dann will ich den Beruf wechseln und selbständig werden, vielleicht in einem Geschäft arbeiten.“ Während sie erzählt, steht sie immer noch vor dem versifften Kleiderschrank. Wo auch sonst? Mehr Platz ist in diesem Raum nicht.

„Das Gesetz hat nichts verändert. Die Frauen machen, was sie wollen.“

Von dem neuen Prostitutionsgesetz hat Gabriella noch nichts mitbekommen. Es soll Sexarbeiter schützen, am ersten Juli ist es in Kraft getreten. Von nun an sind Prostituierte meldepflichtig. Sie müssen einen Prostituierten-Ausweis mit sich führen  und sich alle sechs Monate einer gesundheitlichen Beratung unterziehen  –  Kondome sind Pflicht. Ein zahnloses Gesetz, findet Gabriella. „Da es keine Kameras in den Zimmern gibt, kann auch keiner überwachen, was wir machen oder ob die Freier Kondome tragen“, findet sie. Zur Gesundheitsberatung musste sie auch noch nicht, dennoch geht sie regelmäßig selbst zur Untersuchung.

Insgesamt gibt es 34 Zimmer in den fünf Stockwerken im Vorderhaus der Taunusstraße 26 und den drei Stockwerken im Hinterhaus, davon waren diese Nacht 12 Zimmer leer. Flure, Gänge, die Zimmertüren der Mädels und der Außenbereich werden über sechs Monitore überwacht. Von hier aus wacht Security-Chef Niko, der nicht bei seinem richtigen Namen genannt werden möchte, über das Bordell.  Der Überwachungsraum ist klein und zugestellt, er erinnert an eine Besenkammer. Es ist Platz für drei Ablagetische, einen Kühlschrank, die Monitore und einen Fernseher. Dieser hängt inmitten der sechs Überwachungsmonitore und es läuft lautstark ein Fernsehprogramm.

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Frankfurts Rotlichtszene auf der Taunusstraße im Bahnhofsviertel. Foto: WikiCommons

Gesellschaft, ohne Sex

Wer keinen Sex will, aber sich trotzdem nach weiblicher Gesellschaft sehnt, geht in die Animierbar „My Way“ im Erdgeschoss des Hauses. Die Bar  ist getrennt vom Bordell, aber im gleichen Haus. Das  „My Way“ ist knallrot. Schwarzweiß-Bilder von Marylin Monroe und Hans Albers hängen an den Wänden. Die große Theke auf der rechten Seite der Bar ist ein Blickfang mit ihrem schummrig beleuchteten Gläserregal. „Wir sind eine normale Bar – auch für Frauen – nur dass hier Mädchen herumlaufen, die sich mit den Gästen unterhalten“, so die Geschäftsführerin der Animierbar Claudia. Die „Mädchen“ hätten alle Altersklassen und seien auch über 60 Jahre alt. „Es muss ja für jedermann was dabei sein.“

Die Animierbar verfolgt ein anderes Geschäftsmodell als die Bordellprostitution. Hier gibt es keinen Sex. „Die Mädels aus dem Bordell dürfen nicht runter kommen und unsere Mädels nicht hoch“, erklärt Claudia. Die Animiermädchen kümmerten sich um einsame Männer und leisteten ihnen Gesellschaft, erzählt sie. Diese Gesellschaft wird bezahlt, indem die Männer den Mädels ein Getränk ausgeben. So einen „Lady-Cocktail“ gibt es ab 18 Euro oder eine Flasche Champagner für 800.  „Wenn sich jemand nicht unterhalten möchte und nur zum Trinken da ist, dann ist das auch okay, das merken die Mädchen oder der Gast sagt etwas. Die Signale sind da ja meistens eindeutig“, erzählt die platinblonde Claudia. Auf der Getränkekarte steht der normale 0,25 Liter Apfelwein für 2,50 Euro dem 0,1 Liter-Gläschen für 20 Euro Moet & Chandon gegenüber. Oder man nimmt gleich die Flasche für 200 Euro. Wer eine ganze Flasche kauft, darf mit den Animier-Mädels und seiner Gesellschaft ins Separee im hinteren Teil der Bar. Dieses ist mit einladenden schwarzen Sofas ausgestattet und hat schwere rote Gardinen, die man für etwas mehr „Privatsphäre“ zuziehen kann.

„Die Gespräche sind wie Psychotherapie“

Die Gäste kommen aus aller Welt, 75 Prozent sind Stammgäste. Viele Unterhaltungen sind auch auf englisch. Ärger gäbe es selten. Trotz der Vorurteile und dem Ruf des Rotlichtviertels fühlt Claudia sich hier sicher: „Sicherer als auf der Zeil. Hier ist immer Betrieb, es ist immer etwas offen, wo man sich Hilfe holen kann oder reinflüchten kann. Wir haben einen Taxistand vor der Tür, es gibt viel Polizeipräsenz. Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass jemand an der Theke einschläft.“ Und lachend fügt sie hinzu: „Haben Sie schon einmal einen betrunkenen, schnarchenden Mann geweckt?“

Ein Gedanke zu “Das Leben im Rotlicht

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