Journalistische Stereotypen

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Ein Klischee: Eine Brille und eine Zeitung werden schnell mit Journalismus assoziiert. Foto: Pixabay

Jeder kennt sie, die Stereotypen. Man will es eigentlich gar nicht, doch schnell denkt man wieder in Schubladen. Gerade, da es immer wieder welche gibt, die das Klischee nur zu sehr bestätigen. Während meiner redaktionellen Praktika durfte ich sie nun immer wieder miterleben: die Journalismus-Stereotypen. Sie ähneln allen bekannten Arten von Redaktions- oder Großraumbüro-Klischees und sind doch noch ein Hauch anders, verwegener, aufmüpfiger und lauter.

Folgende Journalismus-Stereotypen haben sich für mich herauskristallisiert und bewährt:

Das männliche Tratschweib

Er hängt immer am Telefon – meistens mit dem Chef, der nur auf der anderen Seite des Schreibtisch „U“ sitzt.  Ist immer etwas am Knabbern. Er ist der erste, der pünktlich zur Mittagszeit den Schreibtisch verlässt und hat zur Überbrückung vom zweiten Frühstück und dem Mittagessen, sowie vom Mittag zur Kuchenzeit Snacks parat: mal Salzbrezeln, mal Nusscracker, mal Pistazien. Oder die trockenen Knäckebrote müssen herhalten. Telefonate mit ihm dauern in der Regel am längsten. Das Tratschweib, wie der Name schon verrät, zieht Mitarbeiter gerne in den eigenen Kosmos voller Geheimnisse, unverfrorener Wahrheiten und skandalösen Geschehnissen.  Sprich, Getuschel. Er weiß immer über den neusten Tratsch und die bekanntesten C-Promis Bescheid und bringt alle mit seinen Erkenntnissen auf den neusten Stand.

Normale Ausrufe zur Aufmerksamkeitsgewinnung: „Hach ist das schön, oh mein Gott ist das toll! Ah, wie herrlich!“  Sehr euphorisch und überschwänglich, am liebsten, wenn er gerade Shopping Queen im Schnelldurchlauf am PC während seiner freien Zeit in der Redaktion schaut.

Der Eventschnorrer

„Will wirklich keiner am Freitagabend zum…? Oh, wie du hast dich schon eingetragen?“ Der Eventschnorrer ist sich für kein Event oder Pressetermin zu schade, sobald es etwas Kostenloses abzustauben gibt. Da Journalisten bekanntlich ja nicht viel verdienen, besonders frei angestellte, nutzt dieser Stereotyp seinen Job zu seinem Vorteil. Er schnorrt sich durch und ist bei allem dabei, solange es etwas zu essen, trinken und gute Unterhaltung gibt. Darum ist er ortksundig und bei unliebsamen Terminen wie an einem Freitagabend ist immer auf ihn Verlass.

Die Story-Schnüfflerin

Schreibt sofort drauf los und steckt oft mit dem männlichen Tratschweib unter einer Decke. Sie produziert vieles für den Stehsatz zum späteren Gebrauch: kleine lustige und allgegenwärtige Geschichten. Eine eifrige Arbeiterin, der den Durchbruch sucht, aber leider nicht immer hat.  Denn sie ist etwas zu vorschnell, neigt zur Extravaganz und Übertreibung. Dafür hat sie aber einen kreativeren Standpunkt und Blickwinkel auf die Dinge und bringt frischen Wind in die Redaktion.

Der nervöse Stiftesucher

Meistens ein Onliner, der für das Onlinenagebot und den Onlineauftritt der Zeitung zuständig ist. Er wartet ständig auf bestimmte Anrufe oder Rückrufe. Und regt sich stets über die Unfähigkeit anderern Menschen und vor allem der Grafikabteilung auf, wenn er so lange auf seine Materialien warten muss. Online muss immer schnell und aktuell sein, schneller als die Konkurrenz. Während er wartet, spielt er nervös mit seinem Stift herum. Dadurch verliert er seinen Stift andauernd oder verlegt sie.  Er arbeitet sauber rund zügig, ist fix im Schreiben, sobald er einmal die zuständigen Menschen erreicht hat.

Das lautstimmige Argusauge

Auch „Grammar Nazi“ genannt. Meistens der Chef der Redaktion. Er kommt als Erster und geht als Letzter, die Redaktionsräume sind sein Hoheitsgebiet. Hier ist sein Wort Wille und seine Augen fällen das Urteil. Er überwacht alles mit Argusaugen. Entdeckt er Fehler, geht es heiß her. Die Stimmbänder erbeben und rufen den Namen des Verantwortlichen lautstimmig. Seine Stimme klingt anklagend, auch wenn er es nicht so meint. Doch somit gewährleistet er die grammatikalische und schriftliche Sauberkeit und Lesbarkeit der Artikel. Er ist der Schützer der journalistischen Sorgfaltspflicht, der er nachgeht.

Der verständnisvolle Zuhörer

Geräuschlos hat er mit zehn Fingern gleichzeitig in die Tasten. Dabei trinkt er einen frisch gebrühten Kaffee und schnappt sich noch die News vom Radio mit auf, während auf seinem Handy der Newsticker klingelt. Er hat alles im Überblicke und ist multitaskingfähig. Sein befürwortendes Nicken und Stillschweigen machen ihn sympathisch. Die Kollegen und auch Praktikanten fühlen sich von ihm verstanden und ernstgenommen. Da er immer freundlich ist und auch gute Kontakte zu den Sekretärsdamen pflegt, ist er zwischenmenschlicher Dreh- und Angelpunkt der Redaktion. Er weiß, höflich zu sein und sich angemessen zu verhalten. Doch sobald die Arbeit gewissenhaft erledigt ist, weiß er auch seinen Feierabend und die wohlverdiente Freizeit zu schätzen und verlässt die Redaktion pünktlich.

Der unabhängige Journalist

Er ist der akkurate Faktenkenner. Meistens unterwegs on Tour und auf der Jagd nach den neusten Ereignissen, doch immer erreichbar. Für die Gelben Seiten hält er sich beim männlichen Tratschweib up-to-date. Er schätzt den verständnisvollen Zuhörer und ist der einzige, der das lautstimmige Argusauge zu korrigieren vermag.  Durch seine spontane und fuchsige Art versorgt er vor allem die Onlineredaktion mit ausreichend aktuellen Informationen und wirft immer wieder Denkstoff in die Redaktionssitzung mit ein – die Verkörperung des rasenden Reporters.

Das muntere Schnatterlieschen

Sie ist für alle Kultur- und Eventberichterstattungen verantwortlich. Ihr Leben ist bunt wie sie selbst und ihre Klamottenwahl. Sobald sie die Redaktion betritt, hebt sich die Stimmung. Gute Laune zu jeder Zeit. Sie plant, telefoniert, schreibt und schnattert. Nie zu lange und immer aufmunternd oder informationsorientiert, aber sie ist unaufhörlich im Gespräch, außer sie schreibt. Ihre Ideen sind gut und sie ist immer auf Zack. Nach ihr würde jede Seite mit einem anderen Konzert oder einem Straßenfest gefüllt sein: Das macht alles so viel lebendiger! Ganz toll. Wenn sie mal kurz einen Kaffee trinkt oder etwas aus der Küche holt, zieht sie eine Runde durch die Redaktion. Lässt mal einen Schokobon mit einem Lächeln auf deinen Schreibtisch fallen oder massiert die Kollegen.

Der Morgenmuffel

Als Journalist arbeitet man im Schichtsystem. Da kann ein Spätaufsteher auch öfters mal die Frühschicht zugeteilt bekommen. Die Augen verengt, verstecken sich hinter der Brille. Auch ein Kaffee kann da nichts mehr retten. Seine Antworten auf Fragen sind ein konfuses Gegrummel. Und in der Redaktionssitzung schläft er augenscheinlich mit offenen Augen ein. Ein Murmeltier, dass erst ab der Mittagszeit geweckt werden sollte. Und nach eigenen Angaben sonnenallergisch ist, weshalb er auch lieber die Nacht zum Tag macht. Dafür übernimmt er liebend gerne die Nachtschicht zugunsten der Kollegenschaft.

 

 

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