G20-Gipfel: „Bürgerkriegsartige Zustände“

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Eine vermummte Demonstrantin vor einem Wasserwerfer und Polizisten. Foto: BE Photography

Während ich gestern Nacht auf der Reeperbahn zu lässiger Technomusik, friedlicher Demonstranten tanzte, stand das Schanzenviertel in Flammen. Meine Freunde und ich hatten beschlossen, die Lage auf St. Pauli auszukundschaften und trafen auf eine Menschenversammlung unmittelbar vor der Davidswache. Auf der Reeperbahn hatten sie einen Wagen aufgestellt, aus dem laute Musik dröhnte. Alles war friedlich. Fröhliche Menschen tanzten und tranken Bier – gedachten aber auch der Schanze. Die Polizei hielt sich im Hintergrund und hatte keinen Grund einzuschreiten. Heute gehen aber ganz andere, entsetzliche Bilder um die Welt.  Die Bilder des Hamburger Schanzenviertels, das in Flammen steht. In der Nacht vom 7. auf den 8. Juli kam es dort zu Ausschreitungen im höchsten Maß.

Mein guter Freund Benjamin Ebrecht war als Fotograf mittendrin und berichtet Fürchterliches.

„Man kann es nicht anders sagen, es war einfach richtig krass. Mein Demonstrationstag fing aber relativ friedlich an. Ab 14 Uhr bin ich bei der Jugenddemo „Jugend gegen G20“ ab den Landungsbrücken bis Millerntorplatz mitgelaufen. Von dort bin ich dann zur nächsten Demo. Richtung Schanze zum Schulterblatt. Das war die Riesendemo von der heute alle sprechen.

Ich war in einem Straßenzug mittendrin, wo sie eine ganze Baustelle auseinandergenommen haben. Demonstranten haben den Bauzaun niedergerissen und als Barrikade gegen die Polizei benutzt. Die restlichen Baustellenmaterialien haben sie angezündet. Ich habe auch ein Mobiles Einsatzkommando (MEK) gesehen, weil Jugendliche auf ein Dach gestiegen sind und die Gefahr bestand, dass das Haus besetzt wird.

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Feuer im Schanzenviertel. Foto: BE Photography

„Direkt vor mir war alles voll Tränengas“

Eine andere Situation: Ich befand mich auf einer engen Straße, hinter mir war die Polizei und vor mir war der Schwarze Block. Und dann habe ich gesehen, wie die Polizisten losgelaufen sind und bin schnell in einen Hauseingang geflüchtet. Ich hörte nur noch ein Zischen und dann war direkt vor mir alles voll Tränengas. Ich bin ins Treppenhaus rein und trotz geschlossener Tür hatte ich tränende Augen. Da habe ich dann mit ein paar anderen ausgeharrt und gewartet.

Ich möchte fast behaupten ich habe von all den fürchterlichen Dingen der Nacht etwas miterlebt. Denn ich sah Demonstranten, die von Wasserwerfern getroffen, Leute, die von Polizisten umgeworfen, von Knüppeln geschlagen wurden oder Leute, die das Kopfsteinpflaster aus der Straße rissen und umherwarfen. Polizisten haben mich auch angemacht und „verpiss dich mit deiner Kamera geschrien“.

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Kinder haben inmitten der Trümmer Selfies gemacht

Es waren meist fünf bis zehn andere Fotografen immer in der Nähe. Mit ein paar habe ich gesprochen. Einige sind extra aus dem Ausland angereist. Ich habe Fotografen aus London und ein Filmteam aus Kanada getroffen, die Bilder und Videos vom G20-Gipfel verkaufen wollen. Ebenfalls völlig skurrile war, dass mich Krawalltouristen aus Osnabrück fragten, wo sie denn am besten hingehen sollten, um mittendrin zu sein. Das waren keine Linksradikalen, sondern nur auf Krawall gebürstete Leute.

So könnte ich immer fortlaufend weiterberichten. Ich sah einen Vermummten, der ein Interview gab und Kinder, die inmitten dieser bürgerkriegsartigen Zustände Selfies machten. Der Supermarkt, in dem ich noch kurz vorher einkaufte, wurde wenig später überfallen und geplündert. Ich bin immer noch sehr geschockt von den Ereignissen der Nacht.“

 

 

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