G20-Gipfel in Hamburg: meine Eindrücke aus der Tumult-Woche

xxxxxxxxxxxxx

Ein Wasserwerfer vor der Davidswache – es ist eine von vielen in Hamburg. Foto: Melina Seiler

Die Welt schaut auf Hamburg und die Stadt steht Kopf – zumindest scheint es so. Schon Wochen vor dem G20-Gipfel rückten Polizisten aus allen Bundesländern und aus Österreich, sowie den Niederlanden an. Sicherheitsvorkehrungen und andere Organisationen liefen auf Hochtouren. Zunächst im Hintergrund, auch wenn lokale und überregionale Medien regelmäßig berichteten. Doch je näher das Wochenende vom 7. und 8. Juli rückte, desto mehr Veränderungen waren in der Stadt wahrzunehmen. Zunächst sind es nur die vielen Polizisten und Polizeiwagen, die schon bald zum Stadtbild gehörten.

WhatsApp Image 2017-07-07 at 16.53.28

Mit Holzbrettern verbarrikadierte Lokale auf dem Kiez. Foto: Melina Seiler

Doch in dieser Woche begannen dann viele Geschäfte und Gastronomiebetriebe, ihre Läden mit Holzbrettern zu verbarrikadieren – zu groß die Angst vor Zerstörung. Und in Anbetracht des Verlaufs der gestrigen „Welcome To Hell“-Demo, keine schlechte Maßnahme. Vermummte Mitglieder des Schwarzen Blocks schleuderten Flaschen, Böller, sogar Fahrräder und Ziegelsteine gegen Polizeibeamte. Diese mussten mit Wasserwerfern, Pfefferspray und sogar Schlagstöcken reagieren. Die Situation ist eskaliert. Das Hamburger Abendblatt berichtete von wenigstens 74 verletzten Beamten und auch verletzten Demonstranten. Schon bei der Demonstrationen am Dienstag und bei manchen nicht genehmigten Protestcamps kam es zum Einsatz von Wasserwerfern. Eine Übersicht von den Protestaktionen gibt es hier.

Gerade die Anwohner müssen viel mitmachen und das nicht nur in extrem zentralen Gebieten oder nahe der Unterkünfte der G20-Teilnehmer, sondern auch in Altona, dort wurden gesten Autos angezündet und bei IKEA Scheiben eingeschlagen. Ich, momentan wohnhaft auf St. Pauli unmittelbar hinter dem Spielbudenplatz, kann von permanenter Polizeianwesenheit berichten. Werfe ich ein Blick von meinem Balkon auf die Straße, stehen überall Einsatzwagen. Allein direkt vor mir acht Stück. Während die Beamten darauf warten, dass sie einen Einsatz haben, lächeln sie manchmal zu mir hoch. Ich lächle zurück.

Ein großes Polizeiaufgebot

WhatsApp Image 2017-07-07 at 16.52.17

Marschierende Polizisten und Einsatzwagen auf dem Spielbudenplatz. Foto: Melina Seiler

Gestern Abend erwarteten viele Menschen rund um die Reeperbahn den Protestzug der „Welcome To Hell“-Demo, die aber bereits um 19 Uhr nach nur einer Stunde an den Landungsbrücken gestoppt wurde und nie eintraf. Trotzdem formatierten sich immer wieder Polizeiwagen und Fußpolizisten auf dem Spielbudenplatz und auf der Reeperbahn. Viele schaulustige Menschen filmten sie, denn so ein großes Polizeiaufgebot ist schon ein Spektakel. Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich die Situation bedrohlich oder nur ungewohnt und befremdlich finden soll. Aber eins ist klar, das Martinshorn und die permanent kreisenden Hubschrauber und ihre Geräusche bis tief in die Nacht haben sich eingeprägt. Es wird eine Weile dauern, bis ich sie nicht mehr mit den Ereignissen rund um den G20-Gipfel in Verbindung bringe. Schon am späten Dienstagabend und in der Nacht raubte mir eine Drohne, die direkt über meiner Straße kreiste, den Schlaf. Und ein bisschen paradox wirkt es schon, als ich im nahe gelegenen Supermarkt meinen Einkauf erledige, während nur ein paar Straßen weiter die große Demo tobt und auch bei mir immer wieder Demonstranten vorbeilaufen.

Erdogan fuhr an unserer Redaktion vorbei

Auch rund um die Redaktion des Hamburger Abendblatts in der Nähe des Rödingsmarkts, wo ich momentan arbeite, gehört das Martinshorn und Hubschraubergebrumme zum stetigen Begleitgeräusch. Auch hier ist alles voller Einsatzkräfte. Viele Geschäfte haben nicht geöffnet. Der Edeka gegenüber und der Blumenladen nebenan sind aber mutig. Vor unserem Eingang steht Sicherheitspersonal. Gestern Abend fuhr Erdogan persönlich an der Straße neben unserer Redaktion vorbei und meine Chefin konnte beobachten, wie er die Fensterscheibe runter ließ und seinen Anhängern die Hand reichte.

Auch in den Redaktionsräumen gibt es nur ein Gesprächsthema: G-20. Auch bei mir in der Kulturredaktion, die nicht mit der politischen Seite des Ereignisses zu tun hat, aber mit dem Begleitprogramm. So traf mein Kollege beispielsweise am Mittwoch Andreas Bourani zum Interview, der gestern Abend zusammen mit Shakira, Coldplay, Herbert Grönemeyer, Lena und anderen Künstlern beim „Global Citizen Festival“ auftragt.  Kein anderer der dort auftretenden Künstler, stand für ein Gespräch bereit, obwohl sie doch alle etwas ausdrücken wollen mit ihrem Auftritt dort, da das Festival Teil der Global Citizen Bewegung ist, die gemeinsam mit anderen Menschen eine bessere Welt schaffen möchte. Das „Global Citizen Festival“ in der Barclaycard Arena konnte man gestern live verfolgen und jetzt sind auch die fast fünf Stunden auf YouTube zu sehen. Die Karten konnte man sich durch Engagement erarbeiten. Leider berichteten viele Karteninhaber gestern auf Facebook, dass sie aufgrund des eingeschränkten ÖPVs keine Möglichkeit hatten, zur Arena zu kommen. Selbst Lena Meyer-Landrut hatte Schwierigkeiten in die Stadt zu kommen. In ihrer Instagram-Story erzählte sie, dass sie sieben Stunden im Stau stand und schließlich undercover mit der U-Bahn fahren musste.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Es passiert so viel auf einmal, dass es für einen Menschen unmöglich ist alles mitzubekommen. Viele Hamburger haben extra die Stadt verlassen, weil sie diese Ausnahmesituation zu anstrengend finden. So auch mein Kumpel Sebastian: „Das muss ich mir nicht antun.“ Andere sind froh, dass sie frei haben und nicht in die Innenstadt müssen: „Das wäre mir viel zu anstrengend.“ Ich sitze den ganzen Tag im Büro, verfolge Live-Übertragungen und lausche gespannt den Berichten meiner Kollegen. Nicht nur mir geht das so #G20 ist in den Sozialen Medien oft aufgerufen. Innerhalb von wenigen Minuten bekommen meine Instagram-Stories mit dem Hashtag über 1000 Aufrufe. Ich bin aber auch froh, dass ich nicht permanent mittendrin sein muss, das wäre zu anstrengend und mit Demonstrationen, die ausarten, möchte ich auch nichts zu tun haben. Aber ich bin gespannt, was ich heute und morgen noch erleben werde. Nach dem Feierabend musste ich schon mal einen Umweg machen, weil sämtliche Bahnstationen gesperrt sind. Und gerade jetzt werden vor meiner Haustür Absperrungen von vermummten Demonstranten umgeschmissen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s