Deutschsprachiger Journalismus im Kaukasus: Vika Mirianashvili im Interview

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Die 19-Jährige macht sich Gedanken darüber, wie sie mit Journalismus die Welt verbessern kann. Foto: privat

Die 19-jährige Vika Mirianashvili aus Georgien schreibt seit sie 16 Jahre ist für die Kaukasische Post (der einzigen deutschsprachigen Zeitung im Kaukasus). Sie ging auf eine deutsche Schule und studiert jetzt in Georgien Germanistik. Sie möchte sich in Georgien, das ja gerade in den letzten Jahren immer mehr Wert auf die europäischen Werte legt, für Demokratie und Journalismus einsetzen. Deutschland ist dafür natürlich ein Vorbild. Im Sommer ist sie in München bei einem Seminar für Deutsch sprechende Journalisten aus Mittel- und Osteuropa. Mit Vierstimmig hat sie über die Sicht auf Deutschland, Georgien als westlich orientiertes Land und ihre Zukunftspläne gesprochen.

Vierstimmig: Seit wann sprichst du Deutsch?

Vika: Ich habe eine DSD-Schule besucht, auf der man das Deutsche Sprachdiplom erwirbt. Normalerweise lernt man dort Deutsch ab der dritten Klasse, aber meine Mutter hat entschieden, dass ich damit noch früher anfangen sollte. Ich war in der ersten Klasse als ich meine ersten Deutschstunden hatte und da wusste ich schon, ich wollte den Kontakt zu dieser Sprache niemals abbrechen. Das habe ich bis heute auch nicht gemacht.

Wie bist du zur Kaukasischen Post (KaPost) gekommen?

Nach meiner ersten Deutschland-Reise hat die Kaukasische Post einen Artikel über mich veröffentlicht, er hieß: ,,Es war einmal ein Mädchen, das von Deutschland träumte.“ Schon seit der ersten Klasse wollte ich Deutschland bereisen, das was in den Büchern stand oder was die Menschen mir berichteten, war einfach nicht genug. Doch bis zur zehnten Klasse hatte ich keine Möglichkeit, diesen Traum zu verwirklichen. Dann haben meine Lehrerinnen mir von einem Stipendium erzählt und ich habe mir gedacht: „Ich sollte es mal versuchen“. Und tatsächlich, es hat geklappt. An den Tag erinnere ich mich immer noch, obwohl es schon drei Jahre her ist. Es war der 19. März 2014, ein ganz besonderer Tag für mich.

Der Artikel handelte von meinen Eindrücken, Erwartungen und Erlebnissen in Deutschland. Dann nach einer Weile habe ich, wieder durch meine Schule, erfahren, dass die Kaukasische Post junge Menschen suchte, die sehr gute Deutschkenntnisse haben und kreativ schreiben können. Da dachte ich mir, das ist bestimmt was für mich.  Ich liebe Deutsch und Schreiben ist mein größtes Hobby. Nun bin ich in den Club der jungen Journalisten der Kaukasischen Post eingetreten und habe, seit ich 16 Jahre alt bin, jeden Monat einen Artikel für die KaPost geschrieben. Ich berichtete über Neuigkeiten in unserem Land, mache Interviews mit interessanten Leuten, ich bin da, wo was Spannendes passiert. Das ganze mache ich bis heute.

Für alle, die die Kaukasische Post nicht kennen, was ist sie und an wen richtet sie sich?

Kaukasische Post ist eine monatlich erscheinende Zeitung im Kaukasus und die einzige deutschsprachige hier. Die Redaktion ist in Tbilisi. Die Zeitung hat eine ganz lange Geschichte, es ist mir eine Ehre ein Teil dieser langen Tradition geworden zu sein. Die Zeitung wurde 1906 gegründet, wird dieses Jahr also 111 Jahre alt. Die Zielgruppe waren vom Anfang an die Kaukasiendeutschen. Sie gibt es bis heute, die Deutschen, die hier in Georgien, Armenien oder Aserbaidschan leben. Es ist gut für sie, auf der eigenen Muttersprache zu erfahren was in welcher Ecke passiert, einfach am Puls der Zeit zu sein. Ausserdem ist die KaPost  definitiv eine Freundschaftsbrücke zwischen Georgien und Deutschland. Die Redaktion selbst ist in Tbilisi, aber die Zeitung ist in ständigem Kontakt mit unserer Gesellschaft, sie gibt auch mehreren talentierten Georgiern die Chance ihre Texte auf Deutsch in der Zeitung zu veröffentlichen. Aber auch auf die anderen kaukasischen Länder wird viel Acht gegeben, deshalb ist die KaPost so vielfältig und vielseitig.

Du studierst jetzt Germanistik, was möchtest du danach machen?

Das ist eine Sache, über die ich immer viel nachdenke. Bis jetzt denke ich, dass ich mit Journalismus weitermachen werde. Mir gefällt es, Interviews zu führen und mit verschiedenen Menschen in Kontakt zu kommen. Ich habe mal bemerkt, dass es manchmal Menschen gibt, die nichts anderes wollen außer Geschichte zu erzählen und zu berichten. Genau diese Geschichten sind Journalismus. Das Beste am Journalistinsein, ist einfach zuzuhören. Nichts anderes zu machen, einfach nur da zu stehen und zuzuhören. Der Journalismus ist für mich die bestmögliche und effektivste Art und Weise dafür, mehr über die Welt zu erfahren. Dass es manchmal auch gefährlich werden kann, macht mir keine Angst. Ich habe einmal wegen eines Interviews ein von Studenten okkupiertes Gebäude und auch mal mehrere Protestaktionen besucht. Neugier und der Wille dazu, mehr zu wissen, verlangen dieses Risiko. Ich möchte mit meinem Studium gerne in Deutschland weitermachen, einen Master in Kommunikationswissenschaft oder einem ähnlichen Fach machen. Vielleicht werde ich später auch eine Professorin an einer Universität bei uns in Georgien, bis dahin ist aber noch viel Zeit.

Was ist deine Sicht auf Deutschland?

Deutschland ist genau so ein Land wie ich es mir vor meinem Aufenthalt dort, vorgestellt habe: weltoffen und multikulturell. 2014 habe ich dort Freunde aus 21 Nationen gewonnen. Wir alle haben uns sehr leicht angefreundet und wurden in kurzer Zeit zu einer Familie. Ich habe auch bemerkt, dass die Menschen sehr hilfsbereit sind, besonders die alten Damen. Was ich noch an diesem Land schätze ist, dass es viel Wert auf das Talent und die Mühe der Menschen legt. Leute, die viel an sich arbeiten, werden möglichst gefördert und unterstützt. In meinem Land gibt es solche Förderungen leider nicht so viel. In Deutschland bin ich aber seit 2015 nicht mehr gewesen, seitdem hat sich ja vieles geändert. Eine Freundin von mir, die gerade in Berlin lebt, hat mir gesagt, ich werde Deutschland gar nicht mehr erkennen, wenn ich wieder da bin. Doch ich habe bis heute die Hoffnung, dass man sich da als Ausländer immer noch wohl fühlen kann und dass Deutschland ein Land bleibt, in dem sich Menschen mit unterschiedlicher Herkunft, religiösen Werten und Hautfarben immer noch willkommen fühlen.

Ist Deutschland für dich ein Vorbild, wenn ja warum?

Deutschland ist ein Land, das gute Arbeitschancen und Lebensbedingungen bieten kann. Ich möchte, dass Georgien in mehreren Branchen beispielsweise vom Bildungssystem von Deutschland profitiert. Ich finde es auch toll, dass das Land nicht an die Vergangenheit, und damit meine ich das letzte Jahrhundert, ‘‘denkt‘‘ und nur nach vorne schaut. Für Georgien ist es auch wichtig, sich auf die Zukunft zu konzentrieren, die hoffentlich mit Europa verbunden ist.

Du möchtest dich für Demokratie und Journalismus einsetzen, was begeistert dich am meisten daran?

Das stimmt. Für Georgien, das Land das besonders die letzten Zeiten ganz viel Wert auf die demokratischen und europäischen Werte legt, sind gerade professionelle Journalisten, diejenige, die unsere BürgerInnen auf gesamtgesellschaftliche Probleme aufmerksam machen, sie aufwecken und über das politische Geschehen richtig informieren, so wichtig wie nie. Ich möchte auch mal für georgische Zeitungen Artikel schreiben und bei der Vermittlung der Demokratie in meinem Land zumindest eine winzige Rolle spielen. Es liegt ja auf der Hand, dass Journalismus und Demokratie eine unzertrennbare Allianz sind. Ich habe schon immer fest daran geglaubt, dass guter Journalismus die Welt verändern und sie zu einer besseren machen kann. Ich möchte mit Georgien anfangen.

Georgien legt gerade in den letzten Jahren immer mehr Wert auf die europäischen Werte, was fehlt denn aber noch?

Georgien ist in letzter Zeiten wesentlich europäischer geworden als zuvor, das ist richtig. Übrigens ist das auch die Ansicht der deutschen Lehrkräfte an georgischen Schulen, die ich vor einem Jahr interviewt habe. Doch es ist natürlich noch nicht alles perfekt, etwa 20 Prozent Georgiens ist von Russland okkupiert, das hat einen schlechten Einfluss auf unsere Gesellschaft. Es gibt außerdem noch die Menschen (meistens nur die Alten), die von den ‘“guten, alten“ Zeiten in der Sowjetunion träumen, obwohl ihr Territorium gerade eben doch von Russland okkupiert ist und wir nach dem Krieg 2008 so viele Soldaten verloren haben. Die Zahl dieser Menschen ist gering und nach dem Krieg wird sie immer geringer. Diese Mentalität ist für viele Georgier kaum zu ertragen. Nach meiner Ansicht sollten die Georgier außerdem noch liberaler werden. Noch mehr über Gleichberechtigung der Geschlechter nachdenken und gegen Homophobie kämpfen. Ich möchte, dass hier (und einfach überall auf der Welt) jeder das sein kann, was er ist. Dann kann ich sagen, es fehlt nicht mehr viel.

Im Sommer bist du in München bei einem Seminar für Deutsch sprechende Journalisten aus Mittel- und Osteuropa. Was erwartest du dir von der Veranstaltung?

Das ist für mich das dritte Mal in Deutschland, erst war ich, wie gesagt, im Jahr 2014 für einen Monat dort. Wir haben München, Berlin, Köln, Bonn und Essen besucht. Dann 2015 zum zweiten Mal, leider nur für eine Woche. Es war ein Schnupperstudium an der Friedrich Schiller Universität Jena. Und dieses Mal werde ich München für 3 Wochen besuchen. Ich bin mir sicher, dass dieses Seminar mir bessere Einblicke in die Medienwelt geben wird. Ich werde genauer sehen können, was einen guten Journalisten ausmacht. Soweit ich weiß, besuchen wir die Süddeutsche Zeitung, eine der größten deutschen Tageszeitungen und den bayerischen Rundfunk. Wir sind auch zu Gast im Bayerischen Landtag, dem Landesparlament und machen auch mal einige Ausflüge. Das alles klingt sehr faszinierend, ich bin schon aufgeregt und freue mich sehr auf den Juli. Es wird sicher eine tolle Erfahrung für mich sein!

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