#4 Mein Auslandssemester: Eine unvergessliche Zeit in England

Ein Erfahrungsbericht.

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Der abgebrannte Westpier in Brighton bietet immer noch einen wunderschönen Anblick. Foto: Michèle Loos

Auch ich verbrachte mein Auslandssemester in Großbritannien. Zusammen mit Vera war ich fast fünf Monate im Süden Englands im wunderschönen Brighton. Die Stadt liegt direkt am Meer und bietet als Sehenswürdigkeiten unter anderem den Royal Pavilion, den Brighton Palace Pier und den neuen Aussichtsturm i360.

Als ich mich für das Journalismus-Studium an meiner jetzigen Hochschule (in der Heimat) bewarb, war ich begeistert. Das Studium ist in kleinen Kursen und praxisnah. Nur eine Sache trübte meine Freude: das vorgeschriebene vierte Semester im Ausland. Ich war schon immer ein sehr heimatliebender Mensch. Am liebsten wäre ich nie aus meinem geliebten Dorf weggegangen: Während eines Urlaubs oder einer Klassenfahrt habe ich mich immer wieder gefreut, nach Hause zu kommen. Mehrere Monate im Ausland konnte ich mir also absolut nicht vorstellen. Nach langen Überlegungen hatte ich mich schließlich doch für das Studium entschieden. Ich wollte persönlich sowieso wachsen und die Zeit im Ausland würde ich dann auch irgendwie überstehen.

Die ersten zwei Semester vergingen wie im Flug. Dann kam auch schon die Zeit, wo wir uns an unseren Wunschhochschulen bewerben mussten. Mir war von Anfang an klar, dass ich nach England möchte. Ich war vorher noch nie da, mag den Akzent und das Beste: es ist nicht weit von Deutschland weg. Als Vera mir von Brighton erzählte und ich darüber recherchierte, entstand in mir doch so etwas wie Vorfreude. Als ich auf meine Bewerbung dann auch noch wenig später die Zusage bekam, war die Freude unfassbar groß. Ich konnte mir tatsächlich vorstellen, in England eine super Zeit zu verbringen, obwohl ein bisschen Angst noch immer bestehen blieb.

Auf geht’s in ein neues Abenteuer

Auch das dritte Semester verging sehr schnell. Es wurde immer ernster. Und der Stress der Vorbereitung begann. Ich musste mich um eine Krankenversicherung kümmern, ein Stellplatz für mein Auto finden, während es abgemeldet ist, die Anreise planen und alles buchen, alles mit meinem Arbeitgeber absprechen und vieles mehr. Durch die Vorbereitung vergingen auch die letzten Wochen vor meiner Abreise viel zu schnell. Auf einmal war der große Tag da: Ich gehe tatsächlich für fast fünf Monate nach England. Die Vorfreude war so groß, dass die Angst kaum noch spürbar war. Auch der Abschied von meiner Familie und meinen Freunden, ging überraschend leicht und konnte meine Freude nicht trüben.

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London aus der Vogelperspektive. Foto: Michèle Loos

Die Anreise musste ich allein bewältigen. Vera war bereits in England. Also hieß es für mich: zum ersten Mal alleine fliegen. Das erste Mal im Vereinigten Königreich und dann muss ich mich direkt alleine zurechtfinden. Das bereitete mir große Sorgen. Gerade bei meinem nicht vorhandenen Orientierungssinn. Doch alles klappte super. Nach einem einstündigen Flug, landete ich in London Heathrow und befand mich auf dem größten Flughafen Europas. Nachdem ich eine Ewigkeit in der Passkontrolle verbrachte, schnappte ich mir meinen Koffer und suchte den Bus. Ein schwieriges Unterfangen, da weder eine Haltestelle noch eine Busnummer auf meinem Ticket stand. Doch ich fragte mich einfach durch und fand schließlich die richtige Haltestelle und den richtigen Bus, der mich nach Brighton brachte. Da ich diese Aufgabe erfolgreich meisterte, war anschließend die Angst komplett verschwunden und ich platzte fast vor Vorfreude.

Hallo Brighton

In Brighton angekommen, begrüßte mich gleich Vera. Die Bushaltestelle war direkt neben dem Meer. Auch am Royal Pavilion, dem riesen Palast im indischen Stil, den der ehemaligen König George der IV. erbauen ließ, war ich vorbeigefahren. All das fühlte sich unwirklich an. An dem Unigelände angekommen, holte ich meinen Schlüssel für mein neues Zuhause ab. In diesem Moment fühlte es sich an, als ob es ein Schlüssel für eine Ferienunterkunft ist. Doch als ich wenig später mit zwei vollbepackten Koffern in dem zwölf Quadratmeter kleinen Zimmer stand, wurde mir klar: „Das ist kein Urlaub. Ich werde die nächsten Monate hier studieren“.

Am nächsten Tag stand Sightseeing auf dem Programm. Vera zeigte mir all die wunderschönen Orte und Gebäude, die Brighton zu bieten hat. Am Tag darauf lertne ich meine restlichen Mitbewohnerinnen und die restlichen Auslandsstudenten kennen. Dann ging es auch schon nach London.  In der ersten Woche gab es so viele neue Eindrücke, so viele Leute die ich kennenlernte und so viele neue Orte die ich gesehen hatte, dass ich etwas überfordert war und keine Zeit hatte, dass alles zu verarbeiten. Denn gleich darauf kam wieder etwas Neues, was man erlebte. So zum Beispiel ein Feueralarm, den meine ungarische Mitbewohnerin abends gegen acht Uhr auslöste. Das gesamte Haus mit 24 Personen stand plötzlich draußen im Regen. Einige im Schlafanzug, andere in Bademänteln. Manche hatten Schuhe an und andere standen dort in Socken oder barfuß. Auch wenn das Wetter nicht gerade passend dafür war und wir ziemlich lange warten mussten, um wieder reingehen zu können, war es dennoch ein großer Spaß.

„Nebenbei“ auch noch studieren

Dann folgte auch schon die erste Woche mit den Vorlesungen. Wie Vera in ihrem Bericht bereits schrieb, ist der Arbeitsaufwand wesentlich höher als in an der heimatlichen Universität. Obwohl es nur vier Kurse waren, die Vera und ich belegt hatten, mussten wir zwischen den Vorlesungen sehr viele Texte lesen, um für die darauffolgende Vorlesung vorbereitet zu sein. Dies nahm mehr Zeit in Anspruch, als zuvor angenommen. Jeden Tag neue Orte entdecken, Urlaub machen und nebenbei zu den Vorlesungen gehen, funktionierte dann also doch nicht. Nach einer Vorlesung, gab es ein Seminar, in dem das zuvor gelernte noch einmal gefestigt  und Fragen geklärt werden sollten. Der Gedanke dahinter ist gut, jedoch war die Umsetzung in allen Kursen schlecht. Wir hatten oft das Gefühl, nur unsere Zeit zu verschwenden. Gerade wenn das Wetter draußen schön war, hätten wir die Zeit viel lieber am Strand verbracht, als in einem Raum mit vier anderen Studenten zu sitzen und sich zu langweilen (mehr britische Studenten hielten es nicht für nötig, zu den Vorlesungen und Seminaren zu erscheinen).

Trotzdem hatten wir die Möglichkeit mit den sogenannten „Field Trips“, die Mary und Becca aus dem International Office für uns organisierten, viele neue Orte und Sehenswürdigkeiten an den Wochenenden zu erkunden. Wir waren in Bath, besichtigten viele Burgen und alte Kirchen (England hat reichlich davon), erkundeten Stonehenge, waren am „Beachy Head“, den Kreidefelsenklippen mit einem Leuchtturm davor und vieles mehr.

Heimweh? Was ist das?

Durch all diese Erlebnisse und wunderschönen Orte, die wir sahen, der Fakt, dass ich mich in meiner internationalen WG mit sechs Amerikanerinnen und einer Ungarin wohlfühlte und dadurch, dass Vera als meine Freundin in den meisten Momenten an meiner Seite war, kam kein Heimweh auf. Das gefiel meiner Mutter zwar gar nicht, da sie wollte, dass ihre jüngste Tochter schnell wieder nach Hause in das wohlbehütete Nest kommt, obwohl sie sich gleichzeitig auch freute, dass es mir während meines Auslandssemesters so gut ging. Sie musste sich damit abfinden, dass ich die Zeit am liebsten angehalten hätte. Diese verging nämlich viel zu schnell. In meiner WG kehrte der Alltag ein. Wir wussten mit den Eigenarten jedes Einzelnen umzugehen, wir machten WG-Abende und guckten Serien oder Filme, oder unterhielten uns über unsere jeweilige Heimat, Politik, unsere Vorlesungen, unsere Zukunftspläne und vieles mehr. Auch das Studieren wurde zum Alltag. Und obwohl ich, so oft wie möglich zum Strand fuhr, war der Anblick des Royal Pavilions immer wieder aufs Neue überwältigend und es war für mich die gesamte Zeit über unbegreiflich, so nah am Meer zu wohnen.

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Jeder Tag ein Abenteuer

Doch es gab nicht nur die schönen Seiten. Wenn man als Deutscher in ein anderes Land geht, muss man damit rechnen viel zu warten. Ich bin lieber immer zehn Minuten zu früh da, als zu spät. Bei den Briten scheint das anders zu sein. Jeden Tag verbrachten wir so viel Zeit mit warten. Egal, ob auf Busse oder auf Menschen. Die Dozenten kamen zu spät, immer wieder trudelten Studenten rein, die doch noch kurz an der Vorlesung teilnehmen wollten, oder wir warteten am vereinbarten Treffpunkt darauf, dass die Person mit der man verabredet war, auftauchte.

Man muss nicht nur auf Menschen warten. Auch die technischen Fortschritte kommen erst sehr langsam auf die Insel. Man fühlt sich oft, als ob man ein Jahrhundert zurück wäre. Die Busse sind alt, klapprig und quietschen bedrohlich. Um die Toilettenspülung zu betätigen, muss man an einem Seil ziehen und ein Mitarbeiter in den Zügen steigt an jeder Haltestelle aus und pfeift mit der Trillerpfeife, bevor es weitergeht. Dies sind nur einige der Dinge, die wir täglich aufs Neue erlebten.

Zudem hatten die Arbeiter, die die Wohnhäuser und ihre Gärten sauber hielten, immer das Talent ihre Arbeiten an den Tagen zu machen, wenn ich hätte ausschlafen können. Egal, ob einer um sieben Uhr morgens mit dem Hochdruckreiniger die Gehwege „sauber“ machte (und dabei den ganzen Dreck an die Haustür und die Fenster sprühte), der Rasen gemäht oder die Hecken geschnitten wurden. Immer wurde es an einem Tag gemacht, wo ich ausschlafen wollte. Danke dafür, denn dadurch bin ich doch früh aufgestanden und habe den Tag mit einem Spaziergang im Wald oder am Meer begonnen.

Eine prägende Zeit

Auch wenn der Arbeitsaufwand groß war, viele Texte gelesen und viele Hausarbeiten geschrieben werden mussten, hatte ich trotzdem die Zeit, etwas von diesem wunderschönen Land zu sehen. Egal ob auf den Field Trips, zusammen mit einigen der Amerikanerinnen, mit Vera oder auf eigene Faust, ich durfte so viele schöne Orte entdecken, die ich sicherlich nicht das letzte Mal besucht habe. Außerdem habe ich so viele tolle Menschen kennengelernt, Freundschaften sind entstanden, die Freundschaft zu Vera hat sich gefestigt und ich bin persönlich gereift. Ich hätte vor zwei Jahren, als ich mich für dieses Studium entschieden habe, niemals gedacht, dass es die beste Entscheidung meines Lebens und das Auslandssemester zu solch einer unvergesslichen Zeit werden würde.

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Der Abschied von neu gewonnenen Freunden viel schwer. Foto: privat

Nun sitze ich wieder Zuhause in meinem kleinen Dorf bei meiner Familie und wünsche mir, wieder zurück nach Brighton zu gehen und zumindest den Sommer dort noch mit all diesen tollen Menschen zu verbringen. Die Abschiede fielen unglaublich schwer, sowohl von den Personen, die dieses Abenteuer so unvergesslich gemacht hatten, als auch von dieser wunderschönen Stadt. Ich bin so unendlich dankbar, dass ich diese Erfahrung zusammen mit Vera machen durfte. Nun bin ich bereit, meine Heimat zu verlassen und die Welt zu erkunden, am besten mit guten Freunden an der Seite.

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