#1 Mein Auslandssemester: Großes Kino für uns zwei

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Die rote Telefonzelle für den typischen Tourischnappschuss. Foto: Melina Seiler

Stirling. An meiner Hochschule ist ein Auslandssemester fester Bestandteil des Studiums. Was natürlich toll ist, denn einmal ehrlich, ein Semester im Ausland zu verbringen, ist der Wunsch eines jeden Studenten und ich durfte ihn leben. So verbrachte ich mein viertes Semester in Schottland auf einem idyllischen Campus zusammen mit Melina, meiner besten Freundin.

Das grüne Idyll

Ich kannte Schottland und war bereits zweimal länger dort gewesen – das erste Mal im Familienurlaub und das zweite Mal auf Abschlussfahrt. Jedoch konnte ich dennoch nicht wissen, was mich erwartet, abgesehen von der wunderschön wilden schottischen Natur. Diese war mitunter einer der Gründe für mich dort mein Auslandssemester zu verbringen. Doch in fast vier Monaten lernt man ein Land und seine Menschen natürlich viel intensiver kennen als in einem vergleichsweise kurzen Urlaub.

So hatte Schottland auch für mich viele neue Erlebnisse parat und wurde zu einem einmaligen Lebensereignis inklusive neuer Bekanntschaften, Hausgeistern und andersartigen Begebenheiten.

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Melina und ich: gut gelaunt ins Auslandssemester. Foto: privat

Melina und ich sind nachts angereist, doch konnten gleich Bekanntschaft mit zwei anderen internationalen Studenten machen, die den letzten Zug verpasst hatten. Die zwei Tschechen wohnten später im gleichen Wohnheim wie wir und wir unternahmen einiges mit ihnen. Die Uni, University of Stirling, liegt inmitten im Grünen, etwas abseits von Stirling mit regelmäßigen Busanbindungen in die Stadt. Der Campus der Universität besitzt einen eigenen See,  Loch Airthrey, an dem man an so manchen Abenden die wohl spektakulärsten Sonnenuntergänge beobachten kann.

Auf dem Weg vom Wohnheim zum Unigebäude musste ich täglich an einem Golfplatz, einem kleinen botanischen Garten und einem Schloss aus dem 18. Jahrhundert vorbei, wenn das nicht für sich spricht. Stirling selbst ist eine typisch schottische Kleinstadt mit grauen Steinhäusern und einer schönen Burg, dem Stirling Castle.

Zudem war ihr Busbahnhof Hauptknotenpunkt für die vielen Reisen und Tagestrips nach Edinburgh, Glasgow, Dundee und St. Andrews. Besonders markant sind die unzähligen Friseure und Barbershops (Bartschneideläden ausschließlich für Männer) an jeder Ecke, es macht den Anschein, dass Stirlings Einwohner einen rasanten Haarwuchs haben.

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Schottisch: Wenn Muttersprachler sich untereinander nicht verstehen

„Aye, Guid mornin! Hou’s aw wi ye?“ begegnete mir einen Morgen zum ersten Mal die Putzfrau mit dem Staubsauger in der Hand, als ich aus meinem Zimmer kam. Danach kam noch etwas, das meine Ohren aber so fremd klang, dass ich es nicht mal mehr im Ansatz zusammenbekomme. Die erste Frage übergangen, hatte ich nach fünf Wiederholungen noch nicht verstanden, dass sie wissen wollte, ob denn das Bad blockiert ist oder ich rein wollte.

Die nette Dame musste mir erst verständnisvoll den Weg zum Bad weisen und stark gestikulieren, bis ich verwirrt und total überfordert antworten konnte. Das Bad war frei und ich wollte nicht rein. Willkommen in Schottland, dachte ich mir. Sie hätte genauso gut mit mir Gälisch sprechen können. Die eigentliche Herkunft der Putzfrau ist mir bis heute nicht bekannt, denn ich habe sie nie wirklich verstanden, mag sein, dass sie Schottin war oder auch nicht, auf jeden Fall hat sie den dicken schottischen Akzent perfektioniert.

Glücklicherweise sprachen keine meiner Dozenten Scotish English und auch nur wenige der Studenten. Aber die verstand dann trotzdem keiner, sogar die englischen Muttersprachler untereinander nicht. Schottisch ist wie Bayrisch, soll als Dialekt gelten, aber ist eigentlich eine eigene Sprache.

Die Hürde des akademischen Englisch

Du denkst, du kannst fließend Englisch? Ha, falsch gedacht. Im Alltagsgebrauch kein Problem, doch so manches Academic Reading hat mir Rätsel aufgegeben. Und davon nicht zu wenig. Akademisches Englisch ist hochgestochen und für manche Worte gibt es kein deutsches Äquivalent. Unpraktisch, wenn sich die Bedeutung nicht durch Umschreibungen und Beschreibungen oder aus dem Kontext erschließen lässt. Das Angebot an journalistischen Wahlmodulen ist vielfältig – ein weiterer Grund, weshalb ich die Uni gewählt hatte –  aber das Lernvolumen und -system anders als zu Hause.

Wir mussten drei Module belegen. Jedes Modul hatte wöchentlich eine frontale Vorlesung (meist zweistündig) und ein einstündiges interaktives Seminar, um Fragen zu klären und das Key Reading zu besprechen. Klingt nach viel Freizeit, doch ich habe das ausschlaggebende Wort schon genannt: Key Reading. Jede Woche gab es in jedem Modul passend zum behandelten Thema eine oder mehrere Lektüren zu lesen. Dabei handelte es sich meistens um mehrere Kapitel über hundert Seiten und manchmal sogar ein ganzes Buch. Wissenschaftliche Fachliteratur und empirische Erhebung liest man nicht mal eben als leichte Abendlektüre.

Das Key Reading war die Basis zur Diskussion und für das Verständnis der weiteren Wochen und Seminare, demnach essentiell.  Auch wurden die ersten Prüfungen in Form von Präsentationen oder Aufsätzen schon während des Vorlesungszeit eingefordert, sodass die ersten Noten schon nach der Hälfte der Studienzeit feststanden. Eine durchaus gute Orientierung und Arbeitsteilung. Meine Module waren sehr lehrreich und interessant, doch leider kann ich ihre Inhalte anderen nur auf Englisch erklären.

Zwischen Urlaub und Studium

Trotz des ungewohnt großen Lesevolumens und eigenständigen Arbeitens bin ich viel gereist. Neben Tagestrips an die schottische Ostküste nach St. Andrews, nach Glasgow und ins wunderschöne Edinburgh, habe ich auch eine Wochenendreise mit Heartland Travel an sehenswerte Orte wie Loch Ness, die Insel Skye, Glencoe und die Highlands unternommen. Und auch ein eigener Roadtrip während der vorlesungsfreien Reading Week einmal quer durch Schottland durfte nicht fehlen. Hier ein paar Impressionen:

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Vier Monate 24/7 und der Gesprächsstoff geht nicht aus

Zugegebenermaßen hatte ich zu Beginn der Reise schon Bedenken, wie sich das Zusammenleben mit Melina für so eine langen Zeit auf engstem Raum gestalten kann. Werden wir Stress haben? Uns eventuell in die Wolle geraten? Denn wir pflegen eine sehr gute Freundschaft, doch haben bisher immer unseren räumlichen Abstand zueinander gehabt und sind beide sehr meinungs- und willensstark mit einer dezenten Spur an Sturkopf. Aus Erfahrung kann ich sagen, dass man Menschen noch einmal anders kennenlernt, lebt man mit ihnen zusammen.

Wir lebten beide in einem Studentenwohnheim auf dem Campus der Universität, in einer internationalen Fünfer-WG, Erdgeschoss, die Schlafzimmertüren genau gegenüber. Optimal: So konnten wir unsere Türen offenstehen lassen und über den Tag hinweg pausenlos miteinander quatschen! Denn nach nur einer Woche war es allen klar, uns gab es fast nur im Doppelpack. Selbstverständlich hatten wir unterschiedliche Kurse und jeder machte sein eigenes Ding, doch sobald wir zusammen waren, interagierten wir synchron. Gegen Ende verhielten wir uns wie siamesische Zwillinge, eingespielt und aufeinander abgestimmt.

Ich habe viele neue Freunde gefunden und noch mehr Menschen kennengelernt, aber viel wichtiger noch, ich habe eine Freundin fürs Leben. Vielleicht hätte ich alles ganz anders erlebt und wäre offener gewesen, wäre ich alleine gereist, so hatte ich meine beste Freundin schon mitgebracht, aber sie war nie mein Übergepäck. Ein Auslandssemester mit ihr, war das Beste, was ich machen konnte.

Der verschwundene Joghurt

Rätselhaft bis heute und einziger ungelöster Streitpunkt: das spurlose Verschwinden unseres Naturjoghurts. Tatort: der Kühlschrank, Fach unbekannt. Normalerweise teilten Melina und ich uns einen Kühlschrank mit einem unserer Mitbewohner. Er nutzte das untere der drei Fächer, wir die oberen zwei. Es war Frühstückszeit, der Joghurt war gefragt. Doch er fehlte. Er war schon angebrochen, doch noch lange nicht leer. Melina hatte ihn nicht, ich hatte ihn nicht. Melina aß ihn nicht, ich aß ihn nicht.

Doch er war weg und blieb verschwunden. Mysteriös. Doch wir haben ihn beide den Tag vor der Tatzeit noch gesehen. Einvernehmlich. Auch unser Kühlschrankmitbenutzer hat ihn weder gegessen noch gesehen, die anderen Mitbewohner auch nicht. Alle Angaben beruhen auf der Wahrheit und wurden nach bestem Wissen und Gewissen getätigt, Augenzeugen gibt es keine. Da blieb uns nur eine Erklärung und die Erkenntnis: Wir haben einen Hausgeist!

Unverständlich, doch herzensgut

Es verging alles viel zu schnell, wie immer, wenn man Spaß hat und genießt. Rückblickend fühlt es sich wie einen Film an, mein Film. Zurück im Alltag, ist mein Auslandssemester wie ein realer Blockbuster, den ich aber nicht im Kino gesehen habe, sondern durchlebt. Ich habe alles mitgemacht und alles mitgenommen, was nur ging. Das Gefühl am Tag meiner Abreise war ein Gutes, denn ich war zufrieden. Zufrieden, alles gesehen und so viel erlebt zu haben sowie wieder Heim zu kommen.

Ich muss zugeben, es war nun erst einmal genug der grünen Idylle. Schottland ist atemberaubend schön und nach so langer Zeit fühlt es sich an, wie ein Stück Heimat, doch leben wollte ich dort nicht. Mein Fernwehort ist ein anderer. Ich werde die herzensguten Schotten vermissen, die uns wohlwollend und mit offenen Armen willkommen geheißen haben, ihre Höflichkeit, das „Thank you“ und „Sorry“ sowie die gute Laune der Kassiererinnen, nur die Wetterschwankungen werde ich nicht vermissen.

Es wechselt schneller als Frauen ihre Klamotten: Wind, Regen, Wind, Wind, strahlenster Sonnenschein, Schnee, Sonne, Schnee. Das ist mir zu unbeständig. Das Wetter ist wild und unberechenbar wie das Land selbst, dem ich von ganzem Herzen ihre Selbstbestimmtheit und Unabhängigkeit wünsche.

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