„Ich bin doch keine Drehtür!“

Ein Erfahrungsbericht.

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Der Touristenansturm auf den Buckingham Palace löst sich langam auf. Foto: Désiree Schneider

London. Jeder ist bestimmt schon einmal Tourist gewesen. Jeder ist bestimmt schon einmal Touristen begegnet. Und jeder hat sich bestimmt schon einmal wie einer verhalten oder sich über das Verhalten von einem aufgeregt. Denn Touristen outen sich meistens selbst als solche mit ihrem Verhalten. Das meistens leider unanständig, deplatziert und völlig unangebracht ist.

Regel Nr. 1: Sie stehen immer im Weg

Sie sind laut, sie sind unfreundlich und versperren den Platz. Je mehr von ihnen auf einem Haufen stehen, desto schlimmer wird das Trauerspiel. Touristen stehen meistens immer mitten im Weg und blockieren den Einheimischen und anderen Touristen den Weg. Da Denkmäler und Sehenswürdigkeiten sich ja meistens in der Stadt oder in irgendeiner Fußgängerzone befinden, gibt es dort nicht so viel Platz. Doch anstelle sich zivilisiert irgendwo hinzustellen und zu warten, stürmen alle gleich auf das Sehenswerte zu als würde es zwei Minuten später nicht mehr dort stehen. Man könnte es einem ja weggucken. Es bildet sich eine Menschentraube und das Spektakel beginnt: Jeder drängelt sich nach vorne, es wird geschubst und geschoben, der Verkehr staut sich und normale Passanten und Fahrradfahrer kommen nicht mehr durch und keiner macht Platz. Die Stimmung kippt und die Atmosphäre wird unfreundlich.

2. Sie haben keinen Respekt

Am schlimmsten sind immer die ganzen Busladungen voller Touristen, die einen dann auch noch wie eine Welle überrennen. Sie kennen kein Pardon und jeder ist sich selbst der Nächste. Wie man sich inmitten so einer Menschenmenge fühlt, egal ob Tourist oder Einheimischer: mies. Diesen Sommer in London habe ich mit meinen Freundinnen zusammen mit hunderten anderen Menschen vor dem Buckingham Palast auf die tägliche Wachablösung gewartet. Und wie das so ist, hat jeder versucht, den besten Platz am Zaun des Palastes für sich zu erhaschen. Es wurde gedrängelt und gequengelt und nebenbei mussten die ganz normalen Fußgänger auch noch passieren und wollten den Fußweg nutzen. Inmitten des Gedränges und Geschiebes stieß meine Freundin Michèle empört aus: „Ich bin doch keine Drehtür!“

Dieser Vergleich beschreibt eben dieses Gefühl für mich haargenau. Das Gefühl, mitten in einer kopflosen Masse zu stehen und willkürlich von den Menschen in die eine oder andere Richtung geschoben zu werden. Drehtüren haben kein schönes Dasein, doch immerhin eine designierte Funktion.

3. Ein fremder Kopf eignet sich hervorragend als Kameraständer

Nachdem Veras Kopf dann noch als Kameraständer genutzt wird, weil dem Mann hinter ihr augenscheinlich die Arme zu schwer geworden sind, ist es vorbei mit aller Menschenliebe, wir gehen. So ein Tumult und ein unverschämtes Verhalten habe ich seit meinem Urlaub in Rom nicht mehr erlebt, wo sich Sehenswürdigkeiten und normales Stadtleben auch dermaßen ballen. Die Briten und alten Römer haben bei dem Bau ihrer Städte und Infrastruktur nicht miteinkalkuliert, dass Jahrzehnte später dort mal ein Touristenansturm aus aller Welt stehen wird, um genau dieses Gebäude oder diesen Brunnen zu begaffen. Jedoch solle man doch wenigstens Respekt vor seinen Mitmenschen haben und sie nicht als Drehtür missbrauchen.

4. Du bist die schönste Fotobombe

Nicht auf den Bildern anderer Touristen drauf zu sein, ist unweigerlich unmöglich. Touristen sind eine Spezies, die alles sehenswert finden und es in einem Bild verewigen wollen. Auf vollen Plätzen sind folglich immer andere Menschen mit auf dem Bild. Das ist weder für den Fotografen, der eigentlich nur die Sehenswürdigkeit auf dem Foto haben möchte, noch für dich, der du eigentlich nicht auf dem Foto von anderen sein möchtest, schön. Ich will gar nicht wissen, wie oft mein Gesicht andere Bilder ziert. Doch geht man selbst ja meistens in der Masse unter, wenn man nicht gerade in die Kamera schaut. Das merkst du aber leider nur, wenn du nach dem Blitz selber Sternchen siehst.

5. Touri-Logik geht nicht immer auf

Und in so großen Massen muss man sich auf einiges gefasst machen, genauso wie an engen Orten und an sich überall, wo man sich nicht auskennt. Zuhause weiß ich, wo die dunklen Viertel sind, die Spelunken oder einfach Orte, um die ich lieber einen Bogen mache. Im Urlaub jedoch habe ich das nicht auf dem Schirm und nicht überall, wo es voll ist, gibt es etwas Gutes zu sehen. Den Fehler habe ich begangen und habe mich meistens wie ein Glühwürmchen vom Licht, immer von den Orten mit vielen Menschen anziehen lassen, dort musst es ja irgendetwas Interessantes geben. Das Interessante konnte ich jedoch nie ausfindig machen und wurde mit einer Bierdusche oder einem Zigarettenbrandfleck belohnt. Wovon das Zweite einem häufig erst am nächsten Tag auffällt, nachdem das ganze Zimmer der Unterkunft nach Rauch stinkt und man sich fragt, wo es doch herkommt. Manchmal ist man mit den einfachen Tourivorschlägen der Hotelrezeption doch besser bedient als mit Erkundungstouren auf eigener Faust.

Lösung: Ein respektvolles Miteinander

Rauchen verboten? Ne du, das ist ein öffentlicher Platz. Ich steck meine Kippe dort an, wo ich will, wie ich es von Zuhause gewohnt bin. – Andere Länder, andere Sitten. Doch viele Menschen reisen in ein anderes Land, ohne sich den dortigen Sitten und Regeln anzupassen. Niemand verlangt, dass du als Urlauber eine fremde Sprache auswendig lernen sollst, doch es gehört sich, sich mit den Regeln des Landes auseinanderzusetzen und diese auch zu respektieren. Wer das nicht kann oder will, soll in seinen Garten reisen. Dort kann er machen, was er will und die kurze Anreise spart Zeit und Energien, die man an seiner Ignoranz nicht verschwenden muss.

Du kannst das gerne anders sehen, doch zeig dich nicht uneinsichtig. Jeder, der schon einmal weg von Zuhause im Unbekannten war, ist ein Tourist gewesen, dafür muss man nicht ins Ausland. Und jeder, der schon einmal in einer größeren Stadt war, ist einem Touristen begegnet. Was ich beschrieben habe, ist das Bild eines ausschließlich negativen Verhaltensmuster eines Touristen, doch entspricht es leider der Mehrheit. Es ist auf jeden Fall touristentypisch. Es ist nicht schlimm, Tourist zu sein und auch als solcher erkennbar zu sein. Es ist kein Problem, jemanden nett nach Auskunft oder dem Weg zu fragen, solange man Rücksicht auf sein Umfeld nimmt und der neuen Umgebung und Kultur offen und respektvoll gegenübertritt. Mein Rat: Sei orientierungslos, doch nicht kopflos.

 

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