Hallo, ich bin eine SEO-Sklavin

Ein Erfahrungsbericht.

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Mit SEO-Texten zu einem hohen Google-Ranking. Foto: Pixabay

Und ich bin es freiwillig. Genauso, wie jeder, der als Nebenverdienst über Textbörsen für anonyme Arbeitgeber und wenig Geld Texte zur Suchmaschinenoptimierung schreibt. Der Stundenlohn ist unterdurchschnittlich und nur die Menge macht Profit. Zum Leben würde es nicht ausreichen, jedenfalls nicht für mich und meine Fähigkeiten als 4-Sterne-Schreiberling. Warum ich es dennoch mache und was ich bisher so erlebt habe, lest ihr hier.

Das Geheimnis der SEO-Texte

Gleich, wenn ich mich einlogge, werden mir die bestbezahltesten „Open Orders“ angezeigt. Das meiste davon sind Produktbeschreibungen für Onlineverkaufsseiten. 50-70 Wörter für 0,91 Cent. Größere und besser bezahlte Projekte sind beliebt und schnell weg. Alles basiert auf einer first-come-first-serve Basis. Wer den Auftrag zuerst annimmt, darf ihn unter Angaben des Aufraggebers bearbeiten. Doch die meisten Angebote bewegen sich unter der 7-9 Euromarke und sind SEO-Texte.

SEO (=Search Engine Optimization): Texte gespickt mit Keywords, die einer Webseite helfen, bei verschiedenen Suchdiensten möglichst hoch gerankt zu werden, damit viel Traffic entsteht. Und nun noch einmal auf Deutsch: Onlineseitenbetreiben dürsten nach stupiden, leicht formulierten Texten mit unzähligen Wortdopplungen, deren Inhalt besagt: „Der leere Kühlschrank ist leer, weil der Kühlschrank soeben entleert wurde.“ Diese lassen sie von unterbezahlten und sogenannten freien Autoren verfassen, um ihr Google Ranking zu verbessern, damit mehr Menschen ihre Webseite finden und darauf zugreifen können. Ergo, einen Auftrag annehmen, sagen wir eine Produktbeschreibung. Etwas über das Produkt ergoogeln, ein Paar Texte finde. Kopieren. Einfügen. Etwas umschreiben und voilà!

Unique Content: Von wegen Copy und Paste

Klingt leicht? Dachte ich mir auch, doch schnell musste ich herausfinden, dass es mehr Kreativität und Fantasie sowie ein großes Repertoire an passendem Vokabular benötigt, um die vorgegebenen Keywords in einen sinnvollen Fließtext zu verpacken. Und sobald du Texte zusammenschreinerst und ganze Halbsätze aus anderen Quellen übernimmst, erkennt der Systemcheck, dass es sich um keinen „Unique Content“ handelt und er wird abgewiesen. Zu Beginn empfand ich es als eine sehr stupide und eintönige Arbeit, das ist sie auch heute noch, doch habe ich die Herausforderung und genügend Ansporn für mich gefunden, um weiterzumachen. Der Entschluss: Meine Texte sollen nicht nur eine Aneinanderreihung grammatikalisch richtiger und inhaltlich sinnvoller Sätze sein, sondern ein Gesamtbild schaffen. Jeder Text und sei er nur 200 Worte lang soll auch in sich schlüssig und gut zum Runterlesen sein. Es ist ein Aufwand, der von vielen Arbeitgebern gar nicht gefragt wird, mich somit aber von den anderen Autorinnen und Autoren abhebt. Außerdem fühle ich mich als Journalismusstudentin zu einer gewissen Sorgfalt mir und meinen Texten gegenüber verpflichtet. Ich möchte nichts aus meiner Feder veröffentlicht sehen, bezahlt oder unbezahlt, dass ich nicht selbst als minimal lesenswert erachte.

Stümperhafte Spezialisten

Meine persönlichen Ambitionen ändern nichts an der wirklich miserablen Bezahlung. Der Rechercheaufwand und die Zeit sich in jedes Thema neu einzulesen, kann gar nicht entsprechend entlohnt werden. Ich verdiene im Schnitt zwei bis vier Euro die Stunde, ein kreativer Hungerlohn. Doch das ist nun einmal das Ergebnis, wenn ich die Zeit des Schreibens, das mit ein wenig Übung eigentlich ziemlich schnell von der Hand geht und der Zeit der Recherche, mich ins Thema einzulesen, benötige. Nach der Anmeldung auf einer Textbörse wie Textbroker oder content.de kann man sein öffentliches Profil individualisieren, indem man sich aus einer Vielzahl von Themenbereichen, seinem „Fachwissen“, Kategorien aus dem eigenen Interessen- und Wissensgebiete auswählt. Die Kategorien erstrecken sich über Oberthemen wie Tourismus, Finanzen, Immobilien, Erotik, Wissenschaft bis hin zu Technik, Medien, Marketing sowie Computer und Internet.

Bezahlung: Mehr schlecht als recht

Nun werden mir offene Aufträge zu den jeweiligen Kategorien und ihre Bezahlung pro Wort angezeigt, welche nach einem fleißigen Schreiberling suchen. Die Identität der Auftraggeber bleibt anonym und kommt meistens auch nicht aus dem Autorenbriefing hervor. Viele Onlineshops setzen auf günstig erstellte Texte und wollen nicht, dass man sie später damit in Verbindung setzt, es könnte ja ihrem Ruf schädigen. Doch sind die Autoren ebenso geschützt. Mit meiner Einstufung von Vier Sternen liege ich ziemlich im Durchschnitt, doch glücklicherweise im guten Durchschnitt mit der größten Auswahl an Aufträgen.  In meiner 4-Sterne Kategorie zahlt der Auftraggeber meistens 2,03 Cent pro Wort. Davon gehen noch einmal 35 Prozent zur Deckung der Kosten für die Künstlersozialkasse, Copyscape, Bereitstellung der Plattform ab, die sich meine Textbörse als Auftragsvermittler einbehält. Für mich übrig blieben demnach eine Bezahlung von 1,5 Cent pro Wort. Autoren, die nach ihrer Anmeldung aufgrund ihres Vorlagetextes niedriger eingestuft werden als ich, werden noch weniger gezahlt. Die, die höher eingestuft werden, oder sich „hocharbeiten“ durch gute Bewertungen und Rezensionen, bekommen mit 4+,4++ oder 5 verdienen wesentlich mehr. Sie haben aber auch ein durchaus kleineres Angebot an Aufträgen – die Texte kosten die Auftraggeber ja mehr – und folglich mehr Konkurrenz.

Mein erster Auftrag war eine Filmankündigung zum Kinostart von „The Ring 3“. Ein kurzer Text, maximale Wörterzahl 200, Verdienst für 2,85 Euro und zwei Stunden Arbeit, da ich den Film absolut nicht kannte und mir die Zusammenhänge aus den ersten zwei Teilen geholt habe, um den dritten zu verstehen. Bisher bekomme ich durch meine guten Bewertungen, ein etwas besseres Textangebot. Arbeitgeber können dich in den Punkten: Orthografie, Inhalt und Erfüllung der Vorgaben, Ausdruck und Lesbarkeit, sowie Termineinhaltung bewerten. Ähnlich wie bei einem Aufsatz im Deutschunterricht.

Ich selbst bin mein strengster Richter

Manchmal bin ich so verbittert, dass ich mich über eine kurze Rückmeldung mit den zwei Worten „Schöner Text!“ regelrecht freue. Doch gibt es auch Aufträge, die tatsächlich Spaß machen und über deren Rückmeldung freue ich mich ehrlich. Es sind meistens kreative Texte, wo ich selbst Themenvorschläge zu einem Gesuch eingereicht habe. Texte, deren Inhalt mich interessiert und ich weiß, dass ihr Entgegennehmen mit einer gewissen Anerkennung seitens des Auftragstellers erfolgt.

Da ich bisher noch keinen Fuß im Lokaljournalismus oder ähnlichem fassen konnte, werde ich auch weiterhin dort schreiben, nicht weil es mir so unmäßig viel Spaß macht, sondern aus Selbstdisziplin. Journalismus ist eine konkurrenzreiche Branche und viel öfter als einem lieb ist, muss man sich mit Themen befassen, die einen nicht interessieren und Artikel schreiben, die viele Vorgaben zu erfüllen haben. Besonders, wenn man als festangestellter Journalist arbeitet, ist man nicht sein eigener Herr.

Darum nutze ich es als Möglichkeit, mir durch die vielfältigen Themengebiete Wissen anzulesen, auf das ich sonst nicht stoßen würde. Ich lege mich selbst in Ketten, da ich lernen muss Vorgaben einzuhalten, nicht die journalistischen, das ist meine Profession, sondern die des Auftraggebers. Mag ich sie auch als noch so unsinnig erachten, so stur und freigeistig ich auch bin.

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