#1 Das Leben in einer internationalen WG

Ein Erfahrungsbericht.

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Ein multikulturelles Zusammeleben ist nicht immer einfach, doch eine große Bereicherung. Foto: Pixabay

Unsere Wohngemeinschaft beherbergt folgende Vielfalt: zwei Schweden, zwei Deutsche und einen Spanier. Gelegentlich haben wir mehr Spanier als Schweden und Deutsche vor Ort und die Deutschen überstimmen im Allgemeinen die Spanier und Schweden im Wohnblock, doch werden selbst von den Amerikanern übertrumpft. Diese sind aber nicht in unserer kleinen internationalen Familie. Glücklicherweise. Lebt und erlebt man drei Monate zusammen mit Menschen anderer Nationalitäten, entdeckt man doch so einige Eigenheiten, die sich über die Herkunft begründen lassen. Fremde werden Freunde. Und wir wurden eine kleine internationale Familie.

Multikulti-Kochen

Guckt man in die Spüle, vier schwimmende Lachsfilets. Ein zuerst etwas merkwürdiger Anblick, doch es hat alles seinen Sinn. Unsere Schwedin kocht sich eine Karotten-Fisch-Suppe zu Mittag, dazu muss der eingefrorene Fisch jedoch erst einmal auftauen. Kein Problem, wir haben ja zwei Spülen, sowie auch zwei Kühlschränke und Arbeitsflächen, jedoch nur einen Gefrierschrank mit drei Fächern. Das Tetris-Spiel kann beginnen: Wir zwei Deutsche teilen uns ein Fach, das kein Problem darstellt, da wir auch zusammen kochen, die Schweden sind sich auch mit einem einig geworden und unser Spanier ist der Glückliche, er hat ein Fach für sich alleine.  Die Küche ist also groß genug, doch mit fünf Leuten steht man sich doch öfters mal im Weg herum. Aber noch markanter, als die im Weg stehenden Menschen, waren die im Weg stehenden Dosen. Unsere linke Ablagefläche auf der Spüle ist stets von leeren, doch aufgewaschenen Dosen blockiert. Unser zweiter Schwede kocht nämlich leidenschaftlich gerne Bohnencurry. Einfach, doch unglaublich lecker wie die schwedische Küche. Inzwischen kann ich alle englischen Bohnensorten auswendig: Green Beans, Red Kidney, Pinto Beans, Baked Beans, Chickpeas. So oft habe ich die Dosen bereits entsorgen müssen. Er hat sich nie beschwert, doch so sauber war der Müll bestimmt noch nie.

Um die andere Ablagefläche, rechts von der zweiten Spüle steht es ähnlich: Unser Spanier nimmt sie für seine Geschirrsammlung ein. Er lagert es nicht im Schrank, sondern lässt es pausenlos lufttrocknen. Dabei kann man ihm hierbei keine spanische Faulheit nachsagen, denn er ist der Einzige, der stets seine Klamotten bügelt und das in aufopferungsvoller Kleinstarbeit.

Drei Nationen, eine Liebe: Pfannkuchen

Während wir unter der Woche alle getrennt voneinander Kochen, wenn wir uns nicht gerade im Weg herumstehen, verabreden wir uns wochenendes gerne zu einem gemeinsamen Pfannkuchen-Frühstück. Da wir in unseren drei gemeinsamen Monaten bisher auch genau drei Geburtstage, einer in jedem Monat, zu feiern hatten, kommt uns die gemeinsame Vorliebe zu gute. An jedem Geburtstag hat es ein Pfannkuchenfrühstück gegeben und nun haben wir dieses Ritual und ebenso die Pfannkuchen perfektioniert. Wo am Anfang noch blaue Geburtstagskerzen mangels Feuerzeug unangezündet in einer Scheibe Brot gesteckt haben, haben im dritten Anlauf brennende Kerzen in einem Browniekuchen zum Auspusten auf das Geburtstagskind gewartet.

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Geburtstagsfeiern: Im zweiten Anlauf haben es dann noch gekaufte Muffins dazugeschafft. Foto: Désiree Schneider

Ein Leben beieinander im Miteinander

Jeder hat seinen eigenen Tagesrhythmus und jeder einzelne ist Grund auf verschieden. So haben wir zumindest keine Probleme, was das Bad betrifft, doch obwohl wir alle zusammenleben und einen Alltag teilen, bekommen wir einander manchmal tagelang nicht zu Gesicht. Darum ist es manchmal sehr hilfreich, sich zu festen Terminen zu verabreden. Die Schweden und ich sind Frühaufsteher, für die anderen zwei wird der Mittag zum Morgen. Typisch Spanier bleibt dieser immer lange wach und wenn nachts oder am nächsten Morgen die Küche nach Knoblauch riecht, wissen wir inzwischen: Abendessen gibt es erst ab 22 Uhr. Kein Wunder, wer auch erst gegen Mittag frühstückt. Spät abends kommen meistens spanische Freunde zu Besuch. Die Küche ist auch gleichsam ein offener Wohnbereich. Während der Spanier abends zum Leben erwacht, verwandeln wir Deutschen den Wohnbereich tagsüber in unsere private Leseecke und die Schweden in ihr Debattierforum. Da die Wände sehr dünn sind und die gesamte Wohnung sehr hellhörig ist, kann man jedes Wort verstehen – oder auch nicht, da keiner von uns die jeweils andere Sprache fließend versteht. Spanisch, schwedisch oder deutsch. Spanisch klingt sehr melodisch und sanft, Deutsch eher rau und schnell und Schwedisch, ja, wie ein holpriger Buchstabensalat.

Ordnung muss sein

Die weibliche Seite unserer WG ist sich einig: Ordnung muss sein. Es ist schön, wenn man auf einer Wellenlänge ist. Für uns war es mangelnde Ordnung in der Küche und für die Jungs eher ein zwanghafte Putz-Fimmel. So müssen wir uns eben arrangieren und im stillen Kampf und Protests des Heizens und Lüftens, des Dosenhortens und -entsorgens und Geschirrstapelns und -wegräumens austragen, bis jeder halbwegs zufrieden ist und einer Erbarmen mit dem überquellenden Müllsack hat.

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Die Küche: Hier tragen sich die alltäglichen Platzkämpfe um die Vormachtstellung zu. Foto: Désiree Schneider

Typisch: Nationale Eigenheiten

Die Schweden tragen nicht ihre Schmutzwäsche in großen IKEA Tüten zum Waschraum und essen auch nicht jeden Tag Köttbullar. Sie sind vielmehr Kochkünstler, Debattanten und Sänger. Sie haben nimmer etwas zu essen in der Hand und Komplimente für ihre guten Englisch-Kenntnisse erklären sie damit, dass in Schweden fast alle englischsprachigen Filme nicht synchronisiert, sondern lediglich mit schwedischem Untertiteln versehen werden. Und ein Morgen ohne das fröhliche Trällern von Disney Liedern unserer Schwedin ist ein trostloser Morgen. Sie ist der Sonnenschein der WG. Laut des Spaniers soll ich auch eine begnadete Stimme haben, gut, dass er mich nur inmitten des strömenden Wassers und des rauschenden Abflusses der Dusche gehört hat.

Unser Spanier, als nationale Minderheit der WG, genießt jegliche Platzfreiheiten und weiß diesen Raum auch auszufüllen. Es stimmt also, Spanier sind ein sehr einnehmendes Volk, doch hat er nicht nur die Spüle und die Küche belagert, sondern auch unsere Herzen. Leider können wir mit unserer deutschen Pünktlichkeit nicht punkten, wobei ohne einen festen Termin oder eine Verabredung bei unseren unterschiedlichen Tagesrhythmen schwer ist, überhaupt etwas zustande zu bringen. Doch ordentlich und sauber waren wir. Alle stubenrein sowie eisern und diszipliniert, unseren Platz auf der Spüle zu verteidigen.

Unsere kleine internationale Familie

Es ist schon erstaunlich, wie schnell man sich aneinander gewöhnt. Ich kann inzwischen anhand des Ganges, das Schlurfen der Füße über den Teppichboden oder an der Art, wie man eine Tür schließt, erkennen, wer gerade in der Wohnung unterwegs ist. Das macht alles so familiär. Ebenso, wenn du in die Küche kommst und mit einem Schwall unverständlicher Worte empfangen wirst, bis dem Sprecher auffällt: Oh, ich habe gerade mit dir Schwedisch geredet! Das ist uns allen unzählige Male passiert. Auf nächtliche Kampfsport-Geräusche aus dem Laptop gefolgt von Schimpfwortausbrüchen, Vorträge über die richtige Verwendung politisch-brisanter Sprüche oder den Mülltütenkampf kann ich durchaus verzichten, aber so ist das nun einmal in einer Wohngemeinschaft: Man akzeptiert die Marotten und Ansprüche der anderen, trifft Vereinbarungen, an die sich keiner hält, ist mal frustriert, aber nie alleine.

Freunde wohnen mit amerikanischen Mitbewohnern zusammen, da deren Haushaltsordnung und -führung etwas andersartig oder gar nicht vorhanden ist, bin ich froh um unsere kleine weibliche Putzverschwörung gegen den männlichen Teil der WG.

Ich glaube kaum, dass ich meine Mitbewohner unter anderen Umständen, außerhalb unseres WG-Kosmos, jemals kennengelernt hätte, da unsere Lebensentwürfe im Prinzip immer völlig verschieden sind. Aber wenn ich nun um mich schaue und sehe, wie das Geschirr und die leeren Dosen wieder die ganze Spüle einnehmen, alles nach Knoblauch riecht und ich mit in ein englisches Disneylied miteinstimmen kann, will ich meine internationale Familie nicht mehr missen.

Ein Gedanke zu “#1 Das Leben in einer internationalen WG

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