Was wir aus „13 Reasons Why“ lernen können

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Vor knapp einem Monat wurde bei Netflix die Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ (Originaltitel: „13 Reasons Why“) veröffentlicht. Die Serie basiert auf dem gleichnamigen Buch von Jay Asher und erzählt die Geschichte von der Highschoolschülerin Hannah Baker, die sich ihr Leben nahm. Das Mädchen hinterlässt auf 13 Kassettenseiten 13 Gründe für ihre Entscheidung. Ihre Kassetten sind an zwölf Personen gerichtet, denen Hannah die Schuld für ihr unglückliches Leben gibt. Ihr Plan: alle zwöf Leute sollen sie sich der Reihe nach anhören und dann an den nächsten weitergeben. Die Serie erzählt die Geschichte aus der Sicht von Hannahs Mitschüler Clay Jensen. Mit ihm zusammen deckt der Zuschauer immer mehr Geheimnisse und tragische Erlebnisse von Hannah und ihren Mitschülern auf.

Über 11 Millionen Tweets

Als das Buch 2007 erschien war ich gerade mal 10 Jahre alt. Ich weiß aber noch genau, wie es mir ein paar Jahre später in die Hände fiel und ich absolut fasziniert und gefesselt war. Nicht nur weil, das Buch so offen und präzise mit dem Thema Selbstmord umging, sondern auch, weil es das Thema Mobbing in der Schule so realistisch einfängt. Ebenso tut es die Netflixserie jetzt. Laut Variety hat die Serie seit ihrer Veröffetnlichung auf Twitter weltweit über 11 Millionen Tweets erreicht. Sie hinterlässt also nicht nur bei mir Stoff zum Nachdenken.

Warnungen der Behörden

Mit ihrer hohen Tweetanzahl ist diese Netflix-Produktion die meistdiskutierteste Serie des Jahres. Umso lauter wurden aber auch die Warnungen. Gerade heute wurde bekannt: in Neuseeland darf man die Serie jetzt erst ab 18 Jahren alleine schauen. Die neuseeländische Medienaufsichtsbehörde befürchtet, dass junge Mädchen zum Suizid angestiftet werden könnten. Neuseeland gehört zu den Ländern mit der höchsten Suizidrate unter Jugendlichen und findet, dass die Beziehung zwischen geistiger Gesundheit und Selbsttötung in der Serie nicht behandelt wird, stattdessen wird Hannahs Entscheidung als schicksalhaft beschrieben.

Nicht nur Neuseeland hat reagiert, auch die australische Gesundheitsbehörde „Headspace“ warnt auf ihrer Website, dass die Serie Suizidgedanken fördern könnte. In den USA hat eine Einrichtung für Suizid-Prävention Diskussionspunkte zum Anschauen von „13 Reasons Why“ zusammengestellt. Ein Punkt: Hannahs Tat solle nicht als herorisch, sondern als tragisch angesehen werden.

Ist „13 Reasons Why“ wirklich so gefährlich?

Bei all den Warnungen stellt sich die Frage, ist das wirklich notwendig?  Ist „13 Reasons Why“ wirklich so gefährlich? Ich finde so pauschalisiert kann man das nicht sagen. Ein reflektiertes Gucken der Serie ist angebracht und eine Warnung kann nie schaden, aber Hannahs Selbstmord wird durchaus als tragisch dargestellt und vor allem auch als sinnlos, da es mit Clay jemanden gegeben hätte, der sie wertschätzt und für sie hätte da sein wollen. Besonders heroisch sehe ich ihn also nicht. Genauso wenig sehe ich ihre Kassetten als Bestrafung der Anderen, viel mehr, als Versuch, doch noch verstanden zu werden. Als Versuch, anderen bewusst zu machen, auf welche Weisen ihre Handlungen verletzten können. Daraus sollte man vor allem den Schluss ziehen, dass man im Miteinander mit anderen immer respektvoll sein sollte.

Täter sind auch Opfer

Gesamtheitlich betrachtet verstehe ich die Serie als Warnung. Hannahs Tod hat nichts besser gemacht und das wird so auch nicht präsentiert. Ihn als Rache an den Anderen zu verstehen, finde ich nicht schlüssig. Gerade auch, weil der Zuschauer Einsicht in die komplizierten Leben ihrer Mitschüler gewinnt. Viele haben ihr eigenes Päckchen zu tragen, sie kämpfen mit Einsamkeit, Problemen Zuhause oder damit sich einzugestehen, dass sie homosexuell sind. Die wenigsten werden ausschließlich als Täter dargestellt, sondern auch als Opfer oder feige und unglückliche Seelen, die falsche Entscheidungen getroffen haben. Die Serie sollte uns lehren, mehr aufeinander Acht zu geben und vor allem ehrlich miteinander zu sprechen. An so vielen Stellen hätte ein ehrliches Wort Missverständnisse verhindern können.

Die Serie zeigt uns wie es in Schulen zugehen kann und mit welchen Gefühlswelten Teenager konfrontiert werden können. Das finde ich sehr authentisch. Sie zeigt uns die „coolen“ Kids, die aber auch nicht alle gleich sind. Es gibt dort auch die Reichen, die mit Problemen oder die Mitläufer. Es gibt die Schüchternen und die Poser. Es gibt die Verwirrten. Es gibt den Nerd. Die meisten wollen nur einen Platz im Leben finden und zum ersten Mal mit der Liebe in Kontakt kommen.

„13 Reasons Why“ kann sensibilisieren

Hannah Baker wird als sehr sensible Person dargestellt, aber keineswegs als schwach. Erst als Vergewaltigung und Unfalltot ins Spiel kommen, tun sich die eigentlichen Abgründe auf. Alles was davor passiert ist, hat noch nicht zum Selbstmord geführt. Aber alles was davor passiert ist, ist was an Schulen allgegenwärtig ist und viele Schüler belastet. Es ist das, woran man arbeiten kann. Es kann gerade Teenagern, die die Serie schauen, vor Augen führen, was an ihrer Schule passiert, wer dort vielleicht der Einzelgänger oder Gemobbte ist. Nicht weil diese Personen selbstmordgefärdert sind, sondern weil die Serie erahnen lässt, wie Hänselei empfunden werden kann. Die Serie „13 Reasons Why“ ist gerade, weil sie niemanden kalt lässt, gut dafür, um zu sensibilisieren und über die eigenen „Position“ in der Schulgemeinschaft hinauszudenken.

Spielraum zum Nachdenken

Die Schuldfrage stellt sich bei dieser Serie automatisch. Hannah macht die Adressaten ihrer Kassetten für ihr unglückliches Leben verantwortlich und natürlich haben sie Hannah mit ihren Handlungen auch unglücklich gemacht, aber die Serie gibt niemandem die Schuld, vielmehr wird es als ihre Entscheidung angesehen. Die neuseeländische Gesundheitsbehörde kritisiert an dieser Stelle, dass die Beziehung zwischen geistiger Gesundheit und Selbsttötung nicht thematisiert wird. Das mag stimmen, aber es ändert nichts daran, dass es „jeden“ treffen kann. Auch geistige Gesundheit ist nicht immer sichtbar oder auf eine schwere Kindheit zurückzuführen. Die Zeit der Pubertät ist hormonell und emotional sehr schwer. Die Serie legt den Fokus an dieser Stelle nicht auf die professionelle Einordnung der Geschehnisse, sondern wie im Buch auch, auf Hannahs Innensicht. Gegen Ende spricht sie davon, gebrochen zu sein und nichts mehr zu fühlen, dass blendet also nicht mehr aus, an welchem Punkt ihr Denken in ungesunde Richtungen verlief. Trotzdem lässt die Serie viel Spielraum zum Nachdenken, Diskutieren und Interpretieren, der Zuschauer kann seine eigenen Schlüsse ziehen. Die Serie gibt das nicht vor und gerade das ist, was „13 Reasons Why“ ausmacht.

Ein ebenfalls kritisch beurteilter Aspekt ist, dass in der dreizehnten und letzten Folge der Zuschauer in einer langen, nervenaufreibenden Szene sieht, wie sich Hannah Baker das Leben nimmt. Diese konkrete Darsellung könne ebenfalls Suizidgedanken fördern. Ich will nicht sagen, dass sie das nicht kann, aber, dass in Zeiten des Internets diese Serie nicht das Erste sein wird, das mit solchem Inhalt konfrontiert. Für mich überwiegt, was wir aus der Serie lernen können. Alles andere ist für mich die gleiche Diskussion wie, ob Videospiele Amokläufer inspirieren oder ob brutale Filme und Serien Gewalttaten fördern.

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