Unterwegs mit den Eltern: Campen im Elsass

Vier Tage Campen. Vier Tage Wandern. Vier Tage Eltern.
Ein Erfahrungsbericht.

P1140012

Bonjour de France! Foto: Désiree Schneider

Elsass. Als vermeintlich erwachsene Tochter mit den Eltern in den Urlaub zu fahren, ist ein Erlebnis der etwas anderen Sorte. Eltern und Kind stehen sich nun ebenbürtig gegenüber mit allen Rechten und Pflichten, in meinem Fall auch Dickschädel und Starsinn – ich bin ja immerhin schon 21. Doch egal wie alt man sein mag, Tochter bleibt Tochter und wird auch immer als solche behandelt. Manchmal wie der hauseigene Bimbo, doch meistens im Genuss von kleinen Aufmerksamkeiten und Privilegien, gerade wenn man nicht mehr zu Hause lebt, die Eltern nur sporadisch sieht und wie ich eben erst aus dem Auslandsemester wiedergekehrt ist.

Das ist die Rahmensituation. Und so machten wir uns zu dritt auf den Weg in dem Elsass, französisch Alcase, mit unserem klapprigen Wohnmobil, Womo, in dem Gebirgszug der Vogesen.

Leben auf engem Raum: Entdecke dich neu

Wenn man auf dem engen Raum eines Wohnmobiles zusammenlebt, sind einige Anpassungen angebracht. Es gilt morgendliche Gewohnheiten, Muster und die verschiedenen Auffassungen und Konzepte von Haushaltsführung übereinzubringen. So scheint es manchmal als wie zwei Welten kollidieren. Man entdeckt die Eigenarten der Eltern neu. Eigenarten, so befremdlich, dass man sich über seine Abstammung wundert, da man doch so verschieden ist und doch einander ebenso gleicht. Denn auch ich habe meine Macken, Special Effects wie ich sie gerne nenne, und bemerke immer mehr wie ich ähnliche Eigenarten in abgewandter Anwendung pflege. So puste ich mein Eis an bevor ich es esse oder laufe immer mit den Händen in den Jackentaschen. Zudem bin ich genauso spontan wie meine Mutter, habe aber auch ihren Dickschädel und die Sturheit meines Vaters.

Zu dritt unterwegs zu sein ist eine gute Zahl, denn sie ist ungerade. Demnach gewinnt fairerweise immer die Mehrheit die Entscheidungsmacht. So konnte die weibliche Mehrheit der Familie so manche Wanderung vor den Abkürzungen meines Vaters retten, die sich bekanntlich als Umwege durch die halbe Nation entpuppen.

P1020901

Typisch wir: orientierungslos trotz Karte. Foto: privat

Orientierung ist was für Anfänger

Im Naturschutzgebiet Alsace lässt es sich hervorragend wandern. Die Wege sind sicher angelegt und gut ausgeschildert. Natürlich vorausgesetzt man kennt die Bedeutung der Symbole. Ich bin weder Kartenleser noch habe ich je Französisch gelernt. Unsere Wanderkarte war anscheinend etwas ungenau oder für Mountainbiker, darum die Orientierung etwas chaotisch. So kam es zu diesem Moment:Eine Weggabelung. Ein Pfad geht nach links, ein zweiter nach rechts. Die Beschilderung fehlt. Natürlich. Meine Eltern teilen sich pflichtbewusst auf der Suche nach aufklärenden Wegweisern auf. Ich sollte an der Kreuzung warten. So wartete ich. Und wartete. Hatte ich eben noch behauptet, dass drei eine gute Zahl sei?

Ja, wir sind verwandt!

Unsere Tagesabläufe folgten einen bestimmten Rhythmus. Wir standen alle zeitgleich spät auf, nachdem wir dem Abend zuvor alle zeitgleich früh ins Bett gefallen waren. Nachts schnarchten wir nicht zeitgleich, sondern zeitversetzt, sodass jeder ein paar Stunden Schlag abbekam, wenn das Womo nicht erbebte, weil jemand sich propellerartig im Bett drehte, um möglichst beide Ohren abwechselnd Lärmschutz zu gewähren.
Nach dem Frühstück mit frischem französischen Baguette vom Bäcker, verdrückte ich mich vor dem Abwasch in die Dusche. Immerhin bin ich schon den Pflichten einer treuen Tochter nachgegangen und habe uns mit Hand- und Fußsprache das Baguette und die Croissants vom Bäcker besorgt. Auf diesen ich zuvor eine halbe Stunde warten und mich währenddessen von unserem gesellig, gesprächigen Campernachbarn unterhalten lassen durfte.

Gegen Mittag ging es auf Wanderschaft. Wie in einem Gebirge üblich ging es auch in den Vogesen hoch hinaus. Nach drei Tagen und zwei Burgen hatte sich das Rätsel gelöst, ‚Chateau‘ bedeutet Burg. Oben angekommen war es Zeit für einen Snack. Hatten wir den Proviant vergessen, war der weibliche Familienanteil sich einig: Ein Eis zählt auch als fruchtige Zwischenmahlzeit. Eine absolut faire Stimmenmehrheit.

Jedes Tal braucht eine Brücke!

Trotz neu aufgeladener Energiespeicher sehnte ich mich auf jedem Rückweg und erneuten Anstieg eine Brücke herbei, die mir ein paar Höhenmeter und die nächste Schlucht ersparen würde. Gedanklich legte ich mir ein Brett über jedes Tal, das wir noch durchlaufen mussten. Genauso wie meine Mutter. Denn von ihr hatte ich die Idee. Oder ich sang leise ein Lied. Jede Silbe ein weiterer Schritt im Tempo meines Trotts. Tricks, die mich früher als Kinder haben meilenweit Laufen lassen, funktionieren heute mindestens genauso gut. Wieder mit qualmenden Füßen am Womo angekommen, versenken wir uns abends alle in unsere Bücher. Gemeinsam lesen, gemeinsam, lachen, gemeinsam trotten.

Ich kann mit meinen Eltern alles machen, auch wenn ich mal mit Abwaschen dran bin. Gemeinsam Campen, immer wieder gerne – solange wir eine funktionstüchtige Wanderkarte haben. Denn die Schuhe stehen in meinem Schlafteil des Womos.

P1140017

Die Vogesen sind ein geschützter Naturpark. Foto: Désiree Schneider

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s